Integration

Unterrichten ohne Lehrerdiplom? Der akute Lehrermangel macht es möglich

Die Bildungsdirektion des Kanton Zürich lockerte offiziell, die Anstellungsbedingungen für den Lehrerberuf. Heute darf man sich auch ohne Lehrerausbildung als Lehrer bewerben, die Rede ist von «Seiteneinsteigern». Und an diesem Punkt kommt die Vikariats-Netzwerkgründerin Angela Jetter ins Spiel...

Es ist kurz vor den Sommerferien und in einigen Elternbriefen für das bevorstehende Schuljahr 2022/23 steht nicht etwa der Name der neuen Lehrperson, sondern, dass die Stelle (aufgrund des akuten Lehrermangels) immer noch offen sei. Schweizweit hat das Thema Lehrermangel für Schlagzeilen gesorgt.

Die Bildungsdirektion des Kanton Zürich lockerte offiziell, die Anstellungsbedingungen für den Lehrerberuf. Heute darf man sich auch ohne Lehrerausbildung als Lehrer bewerben, die Rede ist von «Seiteneinsteigern». Und an diesem Punkt kommt die Vikariats-Netzwerkgründerin Angela Jetter ins Spiel. Sie vernetzt erfolgreich Schulen und Lehrpersonen im Bildungsmarkt.

Frau Jetter gründete 2020 das Vikariats-Netzwerk «Angela Works». In ihrem Online-Pool werden Lehrpersonen an Schulen weitervermittelt, wenn beispielsweise eine Lehrperson ausfällt. Seit kurzem können sich auch interessierte Seiteneinsteiger (Lehrpersonen ohne Lehrerdiplom) bei Ihrem Pool melden und über Zoom mit verschiedenen Schulleiterinnen und Schulleiter in Kontakt treten. «Speed-dating» nennt Frau Jetter dieses «online-matching» zwischen SchulleiterInnen und Lehrpersonen.

albinfo.ch: Frau Jetter konnten die offiziellen Lockerungen tatsächlich Schulleiterinnen und Schulleiter helfen, ihre offenen Stellen einfacher zu belegen?

Angela Jetter: Aktuell ist es immer noch so, dass noch sehr viele Stellen unbesetzt geblieben sind. Seit dieses Thema an medialer Aufmerksamkeit gewonnen hat, kommen jedoch immer mehr Steine ins Rollen. Es tut sich etwas auf dem Markt. Seit den Lockerungen haben sich besonders mutige Schulleiterinnen und Schuleiter auf der Suche nach potenziellen SeiteneinsteigerInnen gemacht und auch tatsächlich passende Leute für Ihre Schulteam gewonnen. Natürlich werden weiterhin einzelne Leute aus meinem Pool nach einem regulären Bewerbungsgespräch abgelehnt. Denn die Lage bleibt vor allem für anspruchsvolle bzw. schwierig zu besetzenden Stellen gespannt.

Denn an solchen Klassen kommt man als SchulleiterIn trotz kantonalen Lockerungen nicht darum herum, die offene Stelle mit einer qualifizierten und erfahrenen Lehrperson zu besetzen.

albinfo.ch: Was müssen Eltern über das Thema «Lehrermangel» wissen und wie erklärt man dieses Problem an jemanden, der nicht aus der Bildungsbranche kommt?

Angela Jetter: Das ist eine spannende Frage. So wie ich die Lage einschätze, hat es mehr als genug ausgebildete Lehrpersonen im Markt, um alle offenen Stellen mit einem Handschlag zu besetzen. Der Lehrermangel hat andere Ursachen. Denn der Lehrerberuf hat heutzutage an Attraktivität eingebüsst, besonders bei Lehrpersonen frisch ab der Pädagogischen Hochschule. Junglehrpersonen nutzen vielfach den Bachelor für andere Berufsfelder, planen vor dem Berufseinstieg noch zu reisen oder setzen die Prioritäten bei der Familienplanung. Anderseits befinden wir uns in einer Zeit, wo die geburtenstarken Jahrgänge (1946 bis 1964) bzw. Lehrpersonen aus der Babyboomer-Generation pensioniert werden. Und genau an dieser Stelle geht die Rechnung nicht mehr auf. Denn allein im kommenden Schuljahr müssen für weitere 2500 Kinder Klassen geöffnet werden und gleichzeitig fehlt die Bereitschaft von ausgebildeten oder bereits erfahrenen Lehrpersonen die offenen Stellen zu besetzen. Anderseits werden immer mehr Lehrpersonen pensioniert. Das hat unter anderem dazu geführt, dass man seit diesem Schuljahr offiziell auch als Seiteneinsteiger in der Volksschule unterrichten darf.

albinfo.ch: Ich fasse die Ursachen zusammen: Imageschaden des Lehrerberufes und Lockerungen, die die Marktsituation nur ansatzweise entspannen. Sie vermitteln bereits qualifizierte Lehrpersonen in Ihrem Portal aber auch SeiteneinsteigerInnen, haben Sie persönlich auch eine Erfolgsgeschichte in diesem Zusammenhang erlebt?

Frau Jetter lacht. Ja selbstverständlich gibt es auch viele Erfolgsgeschichten. Die meisten meiner Leute aus meinem «Online-Pool» sind immer noch aus dem Bildungssektor und arbeiteten vorher als FaBe, Klassenassistenz oder sind studierte Sozialpädagogen. Eine Vikarin, die sich in diesem Schuljahr besonders tatkräftig an verschiedenen Schulen eingesetzt hat, ist eine ehemalige Schülerin aus der Zeit als ich selbst noch Primarlehrerin in Winterthur gewesen bin. Damals stieg ich selbst als Quereinsteigerin in den Beruf, unterrichtete zwar eher frontal, blieb jedoch eine verlässliche Konstante für meine damalige Klasse. Ich schnupperte regelmässig bei meinen Teamkollegen im Unterricht und erhielt auch sehr viel wohlwollende Unterstützung von der Schulleitung. Ein Jahr später holte ich die Ausbildung nach und heute vikarisiert tatsächlich eine ehemalige Schülerin aus dieser Zeit für mein Netzwerk «Angela Works».

albinfo.ch: Zwei Fragen noch zum Schluss:
Was empfehlen Sie Eltern, die mit der Situation konfrontiert werden, dass die neue Lehrperson des eigenen Kindes, den Gang durch die Pädagogische Hochschule noch vor sich hat?

Angela Jetter: Nehmen Sie als Massstab für einen gelungen Schuleinstieg die individuellen Aussagen ihres eigenen Kindes. Geht es gerne zur Schule, erzählt es von Sachen, die es dort gerne macht oder besonders lustig findet? Falls Ja, kann man aufmerksam und dennoch mit Gelassenheit in das bevorstehende Schuljahr blicken. Wenn jedoch Aussagen kommen, dass das Kind in der Schule etwas besonders stresst, dann suchen Sie das Gespräch in erster Linie mit der Lehrperson, und zwar wohlwollend und fragend. Z.B. «Mein Kind ist bei dieser Angelegenheit immer sehr gestresst, wie beobachten Sie mein Kind bei dieser Angelegenheit im Unterricht?». Ihr Kind soll sehen, dass die Erwachsenen an einem Seil ziehen und Fragen und Unklarheiten konstruktiv in einem Gespräch lösen können. Egal, welches Thema Eltern beschäftigt, man sollte sich nicht vor dem Kind über die Lehrperson hermachen, denn schliesslich muss das Kind am nächsten Tag wieder in den Unterricht. Für die fachliche Qualifizierung von SeiteneinsteigerInnen sind aber in jedem Fall nur die Hochschulen bzw. die PH Unterstrass zuständig.

albinfo.ch: Das ist ein sehr pragmatischer und konkreter Vorschlag. Nehmen wir zum Schluss an, dass kurz vor Schuljahresbeginn 2022/2023 in den Medien gefeiert wird, dass Ihr Netzwerk allen Schulen geholfen hat, die offenen Stellen zu besetzen. Was raten Sie den Seiteneinsteigern als ehemalige und gestandene Quereinsteigerin?

Angela Jetter: 

  • Lasst euch und den Kindern Zeit anzukommen und achtet darauf, dass sich alle im Klassenzimmer wohlfühlen und bald selbständig zu Recht finden.
  • Regeln und Rituale müssen sich erst noch im Schulalltag einpendeln. Versucht Klassenregeln nicht einfach vorzugeben, sondern im Gespräch mit der gesamten Klasse zusammen auszuhandeln.
  • Versucht von Anfang an euch die Namen eurer Kinder zu merken und sie von Beginn an mit dem Namen anzusprechen. Die Kinder haben Antennen für Wertschätzung und Wohlwollen der Lehrperson. So tretet ihr direkt in Beziehung als neue Lehrperson mit euren Schülerinnen und Schülerin ein.

 


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