DE Balkani
«Der Westbalkan und die Schweiz sind längst eng miteinander verflochten»
Zehntausende Menschen mit Wurzeln im Westbalkan leben allein im Kanton Zürich. Sie arbeiten hier, gründen Unternehmen, engagieren sich gesellschaftlich und politisch – und pflegen gleichzeitig enge familiäre Beziehungen zu ihren Herkunftsregionen. GLP-Ständerätin Tiana Moser vertritt den Kanton Zürich im Ständerat und ist Mitglied der Aussenpolitischen Kommission. Im Interview spricht sie über diese besondere Verbindung, die Beziehungen der Schweiz zum Westbalkan und die Folgen der Neutralitätsinitiative.
Frau Ständerätin Moser, allein im Kanton Zürich leben rund 50’000 Menschen mit albanischsprachigem Hintergrund. Welche Bedeutung hat diese Bevölkerungsgruppe für Sie als Zürcher Standesvertreterin?
Die Menschen mit Wurzeln im Westbalkan sind längst ein selbstverständlicher Teil der Schweiz und des Kantons Zürich. Sie leben und arbeiten hier, führen Unternehmen, engagieren sich in Vereinen, in der Gesellschaft und zunehmend auch in der Politik. Viele sind hier geboren und aufgewachsen. Sie tragen jeden Tag zum Funktionieren und zum Wohlstand unseres Kantons bei.
Als Zürcher Ständerätin vertrete ich die gesamte Bevölkerung unseres Kantons. Dazu gehören selbstverständlich auch diese Zehntausenden Menschen mit familiären Wurzeln im Westbalkan. Das ist für mich auch eine Verantwortung. Denn viele dieser Menschen sind mit zwei Regionen eng verbunden: mit der Schweiz als ihrem Lebensmittelpunkt und gleichzeitig mit dem Kosovo oder anderen Ländern des Westbalkans durch Familie, Freunde und ihre persönliche Geschichte.
Diese Verbindungen sind eine grosse Stärke. Sie bringen unsere Gesellschaften näher zusammen und schaffen ein gegenseitiges Verständnis, das weit über die klassische Diplomatie hinausgeht.
Sie sind Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Ständerates. Wie beurteilen Sie die Beziehungen der Schweiz zum Westbalkan?
Der Westbalkan ist für die Schweiz eine sehr wichtige Region. Unsere Beziehungen sind eng und vielfältig. Es gibt wirtschaftliche Verbindungen, politische Zusammenarbeit und natürlich ganz besonders die vielen familiären und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen.
Viele Schweizerinnen und Schweizer mit Wurzeln im Westbalkan haben Eltern, Grosseltern, Geschwister, Cousinen und Cousins oder Freunde, die im Kosovo oder in anderen Ländern der Region leben. Gleichzeitig bestehen zahlreiche wirtschaftliche Beziehungen. Diese Verflechtung ist über Jahrzehnte gewachsen.
Deshalb würde ich sagen: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Westbalkan sind heute sehr gut und aussergewöhnlich eng. Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, diese Beziehungen weiterzuentwickeln und dafür zu sorgen, dass der Westbalkan eine stabile, sichere und wirtschaftlich erfolgreiche Region mitten in Europa bleibt.
Die Schweiz gehörte 2008 zu den Staaten, die den unabhängigen Kosovo sehr früh anerkannten und anschliessend diplomatische Beziehungen aufnahmen. Wie wichtig war dieser Entscheid aus heutiger Sicht?
Das war ein wichtiger Schritt. Die Schweiz hat damit früh Verantwortung übernommen und eine Grundlage für die engen Beziehungen geschaffen, die wir heute mit dem Kosovo pflegen.
Wir sind miteinander verflochtene Gesellschaften. Die Schweiz ist für viele Menschen mit Wurzeln im Westbalkan zur Heimat geworden – und gleichzeitig bleibt der Westbalkan für viele Menschen in der Schweiz ein wichtiger Teil ihrer persönlichen Heimat.
Am 27. September stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab. Sehen Sie darin auch eine Gefahr für diese engen Beziehungen?
Ja. Eine Annahme der Neutralitätsinitiative würde den aussen- und sicherheitspolitischen Handlungsspielraum der Schweiz stark einschränken. Davon wäre insbesondere auch unser friedensförderndes Engagement betroffen.
Das zeigt sich sehr konkret im Kosovo. Seit 1999 beteiligt sich die Schweiz mit der SWISSCOY an der KFOR. Tausende Schweizer Armeeangehörige haben seither in den verschiedenen Kontingenten ihren Beitrag zu Sicherheit und Stabilität im Kosovo geleistet. Dieses Engagement hat Vertrauen geschaffen – im Kosovo, aber auch bei vielen Menschen mit Wurzeln in der Region, die heute in der Schweiz leben.
Bei einer Annahme der Neutralitätsinitiative wäre die Weiterführung dieses Engagements aus meiner Sicht ernsthaft gefährdet. Ich verstehe nicht, weshalb die Schweiz freiwillig auf Instrumente verzichten sollte, mit denen sie seit Jahrzehnten erfolgreich zu Frieden und Stabilität beiträgt.
Gerade als Zürcher Ständerätin ist mir wichtig, dass wir diese Verbindung nicht aus den Augen verlieren. Sicherheit und Stabilität auf dem Westbalkan sind nicht irgendein fernes aussenpolitisches Thema. Sie betreffen Zehntausende Menschen in meinem Kanton ganz persönlich – ihre Familien, ihre Freunde und ihre Herkunftsregion. Und sie liegen auch im direkten Interesse der Schweiz.
Deshalb möchte ich, dass die Schweiz ihr Engagement für Frieden und Stabilität auf dem Westbalkan weiterführen kann. Dafür braucht sie aussenpolitischen Handlungsspielraum. Darum empfehle ich am 27. September ein überzeugtes Nein zur Neutralitätsinitiative.
Tiana Moser ist GLP-Ständerätin des Kantons Zürich und Mitglied der Aussenpolitischen Kommission.
Lesen Sie auch:
“Die Neutralitätsinitiative gefährdet den Schweizer Einsatz im Kosovo”
Ähnliche Artikel
Weitere aus DE Balkani

Der deutsche Kanzler sagt, dass die EU den Erweiterungsprozess im Westbalkan verzögert hat
- Green Coast Hotel – MGallery Collection gewinnt den Preis “Architektonisches Highlight des Jahres” bei den GRI Awards Europe 2025.
- Die Magie von Gjirokastra beeindruckt ausländische Touristen.
- Rama kritisiert die Botschafter: Die wirtschaftliche Diplomatie ist das schwächste Glied im diplomatischen Dienst.
E-Diaspora
-
Ramë Dardania nimmt am internationalen Kunstfestival in Kotor teil "Für mich ist es von großer Bedeutung, dass der Name Dardania dort, im Herzen von Kotor,... -
Belgjikë
Die Albanische Schule “Vatra” in Belgien feiert ihr 21-jähriges Bestehen. -
Arbeitskräfte ohne Rechte – das ist das Ziel der «Nachhaltigkeitsinitiative» -
Wenn ein Schweizer die Albaner verteidigt: Die starke Botschaft von Ueli Leuenberger -
“Kino Kosova” hap edicionin e 5-të në Cyrih me filma, diskutime dhe muzikë
Leben in Österreich
-
Der Eurovision Song Contest 2026 beginnt heute Abend in Wien 15 Künstler treten im ersten Halbfinale an, während das Festival unter strengen Sicherheitsmassnahmen und inmitten politischer... -
Ministerin Spiropali als Ehrengast beim Wiener Opernball -
„In Between“ – Die Ausstellung von Albana Ejupi, wo Malerei auf Skulptur trifft. -
Der “Albanische Kulturtag” kehrt nach Graz zurück, die Albaner versammeln sich am 28. September. -
Edona Bilali bringt zwei österreichische Doktoratsprogramme nach Shkodra.












