News

Krankenkassenprämien 2027: Müssen Haushalte erneut tiefer in die Tasche greifen? Ja, aber wohl weniger stark als zuletzt.

Die Krankenkassenprämien haben sich für Schweizer Haushalte in den vergangenen Jahren zu einer immer grösseren Belastung entwickelt. Besonders seit 2022 folgt praktisch ein Prämienschub auf den nächsten. Die bezahlten Prämien pro versicherte Person sind seither über alle Altersgruppen hinweg um rund ein Viertel angestiegen. Im letztjährigen UBS Sorgenbarometer nannten 45 % der Stimmberechtigten Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien denn auch als eines der wichtigsten Probleme der Schweiz.

Ende September gibt der Bund jeweils die Prämien fürs nächste Jahr bekannt. Die zentrale Frage lautet: Setzt sich der Prämienschub fort oder zeichnet sich erstmals eine Entspannung ab? Eine seriöse Antwort beginnt nicht bei der Prämie selbst. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie stark steigen die Gesundheitskosten insgesamt, und welcher Teil dieser Kosten landet überhaupt bei den Prämienzahlern?

Die Gesundheitskosten steigen seit jeher

Die Gesundheitskosten der Schweiz sind seit 1995 von rund 36 auf rund 100 Milliarden Franken pro Jahr gestiegen. Die jährlichen Wachstumsraten schwanken dabei, ohne dass sich über die vergangenen zwei Jahrzehnte eine klare Beschleunigung erkennen lässt. Der Kostenanstieg ist also ein langfristiger Trend.

Dass die Gesundheitskosten steigen, ist zunächst wenig überraschend: In der Schweiz leben heute deutlich mehr Menschen als Mitte der 1990er-Jahre, gleichzeitig ist auch das allgemeine Preisniveau gestiegen. Zerlegt man den Kostenanstieg seit 1995 grob, entfallen rund ein Viertel auf das Bevölkerungswachstum und knapp ein Fünftel auf die allgemeine Teuerung. Die verbleibenden rund 57 % entstehen dadurch, dass real pro Person mehr für Gesundheit ausgegeben wird als früher. Darin stecken jedoch unterschiedliche Ursachen – von der Alterung über einen höheren Leistungsbezug bis zu medizinischem Fortschritt und höheren Kosten je Behandlung. Entsprechend ist der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP von rund 8,6 % auf mittlerweile über 11 % gestiegen.

Die Alterung der Bevölkerung erklärt nur einen Teil

Dass die Alterung die Gesundheitskosten erhöht, ist unbestritten. Gemäss eigenen Berechnungen auf Basis offizieller Daten verursachte eine Person über 65 im Jahr 2024 durchschnittlich rund 3,3-mal so hohe Gesundheitskosten wie eine Person zwischen 26 und 65 Jahren. Verschiebt sich die Bevölkerung in höhere Altersgruppen, steigen somit auch die Gesamtkosten. Wie gross dieser Effekt tatsächlich ist, zeigt eine 2025 im Auftrag des BAG erstellte Studie. In einer detaillierten Zerlegung der Gesundheitskosten für 2012 bis 2022 entfielen rund 19 % des Kostenanstiegs auf die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung. Die Alterung ist damit ein relevanter, aber nicht der wichtigste Treiber des Kostenwachstums. Fast die Hälfte des Kostenanstiegs entstand durch höhere durchschnittliche Kosten pro erkrankte Person.

Dieser Kostenanstieg zeigt sich über alle Altersgruppen hinweg. Zwar entfällt auf Personen ab 66 Jahren knapp die Hälfte der gesamten Gesundheitskosten, jedoch steigen die Kosten pro Kopf hier weniger stark als in den anderen Altersgruppen. Entsprechend hat sich auch die Verteilung der Gesamtkosten etwas verschoben. Die Alterung erhöht die Gesundheitskosten also deshalb, weil mehr Menschen in kostenintensive Altersgruppen hineinwachsen – nicht, weil gerade bei älteren Menschen die Kosten pro Kopf besonders stark steigen.

Was treibt die Gesundheitskosten pro Kopf?

Die entscheidende Erkenntnis ist deshalb, dass der grössere Teil des Kostenanstiegs innerhalb der medizinischen Versorgung selbst entsteht. Entscheidend sind insbesondere die Menge der bezogenen Leistungen, die Intensität der Behandlungen und die Kosten je Behandlung.

Mit steigendem Wohlstand wächst auch die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen: Vorsorge, Diagnostik und Behandlungen werden häufiger in Anspruch genommen, gleichzeitig steigen die Erwartungen an Qualität und Verfügbarkeit. Der medizinisch-technologische Fortschritt erweitert zudem laufend das Spektrum behandelbarer Krankheiten. Dadurch nehmen Leistungsumfang und Behandlungsintensität zu. Gleichzeitig haben sich Zugang, Behandlungsmöglichkeiten und Lebenserwartung verbessert.

Hinzu kommt, dass das Gesundheitswesen sehr personalintensiv ist. Ärzte, Pflegepersonal und Therapeuten lassen sich nur begrenzt automatisieren oder skalieren, während ihre Löhne langfristig mit der Gesamtwirtschaft mithalten müssen. Höhere Kosten pro Krankheitsfall können daher aus mehr Leistungsbezug, neuen und intensiveren Behandlungen sowie höheren Preisen und Personalkosten entstehen. Steigende Gesundheitskosten spiegeln damit sowohl einen höheren Ressourceneinsatz als auch eine Ausweitung der medizinischen Versorgung wider.

Steigende Gesundheitskosten pro Kopf entstehen somit im Wesentlichen aus drei Komponenten: mehr bezogenen Leistungen, intensiveren beziehungsweise umfangreicheren Behandlungen und höheren Kosten je Leistung. Genau hier liegen auch die zentralen Ansatzpunkte für Politik, Versicherer und Tarifpartner, wenn das Kostenwachstum nachhaltig gedämpft werden soll.

Die Krankenkassenprämien steigen stärker als die Gesundheitskosten

Die Gesundheitskosten bestimmen langfristig die Richtung der Krankenkassenprämien – beide entwickeln sich jedoch nicht im gleichen Tempo. Während die Krankenkassenprämien pro versicherte Person seit 2022 um rund ein Viertel gestiegen sind, dürften die Gesundheitskosten pro Kopf im gleichen Zeitraum lediglich im einstelligen Prozentbereich zugelegt haben. Das wirkt zunächst widersprüchlich: Wenn die Prämien der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP), also der Grundversicherung, Gesundheitsleistungen finanzieren, weshalb steigen sie dann deutlich stärker als die Gesundheitskosten?

Der Grund liegt im Finanzierungssystem. Nur ein Teil der gesamten Gesundheitskosten wird über die OKP finanziert. Ein erheblicher Teil wird von Bund und Kantonen, über Franchise und Selbstbehalt, durch Zusatzversicherungen sowie direkt von den privaten Haushalten getragen. Für die Entwicklung der Krankenkassenprämien ist deshalb nicht nur entscheidend, wie stark die Gesundheitskosten insgesamt steigen, sondern auch, welcher Anteil bei der OKP landet.

Am Schweizer Gesundheitssystem beteiligen sich letztlich alle, wenn auch über unterschiedliche Kanäle und Mechanismen. Die Krankenkassenprämie ist zwar für die meisten Haushalte die sichtbarste Belastung, dadurch wird aber nur rund ein Drittel der gesamten Gesundheitskosten finanziert.

Bricht man die Kosten auf 100 Franken herunter, stammen rund 32 Franken aus den obligatorischen Krankenversicherungsprämien der privaten Haushalte. Weitere rund 30 Franken zahlen die Haushalte über Franchise und Selbstbehalt, Zusatzversicherungen sowie Leistungen, die sie vollständig aus eigener Tasche bezahlen. Rund 31 Franken übernimmt der Staat: einerseits direkt, etwa über die Finanzierung von Spitälern und anderen Leistungserbringern, andererseits indirekt über Prämienverbilligungen und weitere Sozialversicherungen. Die restlichen knapp 7 Franken stammen von Unternehmen und weiteren Finanzierungsquellen.

Damit wird deutlich: Dass die Prämien in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen sind als die gesamten Gesundheitskosten, lässt sich vor allem durch zwei Entwicklungen erklären: Ein immer grösserer Teil der Gesundheitsrechnung landet bei der OKP, während der zwischenzeitliche Abbau der Reserven einen Teil des Kostenanstiegs zunächst verzögerte und später einen zusätzlichen Nachholeffekt bei den Prämien verursachte.

Ein immer grösserer Teil der Gesundheitskosten wird über die Grundversicherung finanziert

Der Anteil der gesamten Gesundheitskosten, der über die OKP finanziert wird, ist seit 1996 von rund 30 % auf 40 % gestiegen. Selbst wenn die Gesundheitskosten insgesamt nur moderat wachsen, kann der von der Grundversicherung zu finanzierende Teil also stärker zunehmen.

Zum einen entwickelt sich der Leistungsumfang der Grundversicherung laufend weiter. Bei ärztlichen Leistungen gibt es keine abschliessende Positivliste; neue medizinische Verfahren können unter bestimmten Voraussetzungen relativ rasch Bestandteil der OKP werden. Hinzu kommen neue Medikamente, Therapien und weitere Leistungen, während bereits gedeckte Leistungen teilweise häufiger oder intensiver genutzt werden. Damit wächst der Anteil der medizinischen Versorgung, der kollektiv über die Grundversicherung und damit über die Prämien finanziert wird.

Zum anderen verlagert sich die Versorgung zunehmend vom stationären in den ambulanten Bereich. Seit 2019 gilt für zunächst sechs Eingriffsgruppen das Prinzip «ambulant vor stationär»; 2023 wurde die Regelung auf 18 Eingriffsgruppen erweitert. Die Logik dahinter ist sinnvoll: Wo es medizinisch möglich ist, sollen Eingriffe ambulant erfolgen, da sie in der Regel deutlich günstiger sind als eine stationäre Behandlung.

Für die OKP-Kosten entsteht dabei allerdings ein gegenteiliger Finanzierungseffekt. Während die Kantone bei stationären Behandlungen mindestens 55 % der Nettokosten übernehmen, werden diese bei ambulanten Leistungen vollständig von den Krankenversicherern getragen. Eine Behandlung kann somit insgesamt günstiger werden und gleichzeitig höhere Kosten bei der OKP verursachen.

Der Abbau der Reserven verstärkte den späteren Prämienschub

Grundsätzlich müssen die Prämien so festgelegt werden, dass sie die erwarteten Kosten der Grundversicherung decken. Fallen die tatsächlichen Kosten tiefer aus oder entstehen Anlagegewinne, können Reserven aufgebaut werden. Umgekehrt dienen diese Reserven als Puffer, wenn die Kosten höher ausfallen als erwartet. Jeder Versicherer muss dabei genügend Reserven halten. Eine Solvenzquote von 100 % entspricht der regulatorisch erforderlichen Mindesthöhe.

Nachdem die Reserven der Branche über Jahre stark angewachsen waren, erleichterte der Bundesrat 2021 bewusst deren Abbau. Das entlastete die Versicherten zunächst. Dann trafen jedoch zwei Entwicklungen aufeinander: Die Gesundheitskosten stiegen 2022 und 2023 stärker als bei der Prämienfestlegung erwartet, während der Reservepuffer bereits deutlich kleiner geworden war. Allein 2023 entstand im Versicherungsgeschäft ein Verlust von rund 1,9 Milliarden Franken; die branchenweite Solvenzquote sank Anfang 2024 auf nur noch 121 %. Damit mussten die Prämien stärker nachziehen: Sie mussten wieder näher an die tatsächlichen laufenden Kosten herangeführt werden und bei Versicherern mit zu tiefen Reserven zugleich deren Wiederaufbau ermöglichen.

Der Reserveabbau erklärt damit einen Teil des überproportionalen Prämienschubs der vergangenen Jahre: Was zunächst über Reserven abgefedert wurde, musste später über höhere Prämien kompensiert werden. Inzwischen hat sich die Reservesituation zwar wieder verbessert, die höhere Solvenzquote ist jedoch nur teilweise Ausdruck einer tatsächlich stärkeren finanziellen Lage. Der Anstieg in 2025 von 121 % auf 147 % ist zu einem wesentlichen Teil darauf zurückzuführen, dass die Revision des KVG-Solvenztests die regulatorisch erforderlichen Mindestreserven von 6,1 auf 5,3 Milliarden Franken senkte.

 

Wie dürften sich die Krankenkassenprämien 2027 entwickeln?

Die Gesundheitskosten dürften auch 2027 weiter steigen. Für die Kosten der Grundversicherung erwartet das KOF im Auftrag des BAG ein Wachstum von 4,0 % pro versicherte Person. Auch wenn die Unsicherheit gross ist, erachten wir einen weiteren Anstieg der mittleren Prämie von rund 3,5 bis 4 % derzeit als plausibles Basisszenario. Dabei handelt es sich jedoch um einen Landesdurchschnitt. Die tatsächliche Prämienentwicklung eines Haushalts kann davon deutlich abweichen und hängt insbesondere vom Versicherer, Kanton, gewählten Versicherungsmodell und der Franchise ab.

An der grundsätzlichen Entwicklung ändern auch die laufenden Reformen wenig. Seit 2026 müssen sich die Kantone verbindlicher an der Prämienverbilligung beteiligen; der Mindestbeitrag beträgt je nach Prämienbelastung zwischen 3,5 und 7,5 % der kantonalen OKP-Bruttokosten. Das senkt zwar nicht die eigentliche Krankenkassenprämie, reduziert aber die effektive Belastung anspruchsberechtigter Haushalte und macht die staatliche Beteiligung verlässlicher.

Auch langfristig dürfte die Richtung grundsätzlich nach oben zeigen. Gesundheitsausgaben entwickeln sich eng mit dem Wohlstands- und Einkommensniveau einer Volkswirtschaft: Mit steigenden Einkommen wächst die Nachfrage nach medizinischen Leistungen, während der medizinische Fortschritt zusätzliche Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten schafft. Selbst wenn sich das jährliche Prämienwachstum wieder normalisiert, ist deshalb nicht mit nachhaltig sinkenden Gesundheitskosten – und damit auch nicht mit dauerhaft sinkenden Kosten der Grundversicherung – zu rechnen.

 

Was bedeutet das für die Haushalte?

Den Trend zu steigenden Krankenkassenprämien können Haushalte kaum beeinflussen. Beeinflussen können sie jedoch, wie sie versichert sind und wie viel sie dafür bezahlen.

Die jährliche Prämienrunde sollte deshalb nicht nur Anlass sein, die günstigste Krankenkasse zu suchen:

  • Grundversicherung optimieren: Versicherer, Franchise und Versicherungsmodell regelmässig überprüfen.
  • Prämienverbilligung prüfen: Je nach Einkommen, Vermögen und Wohnkanton kann ein Anspruch bestehen.
  • Zusatzversicherung mit Vorsicht wechseln: Eine Kündigung kann langfristig teuer werden, wenn später aufgrund einer Gesundheitsprüfung kein gleichwertiger Schutz mehr erhältlich ist. Deshalb erst kündigen, wenn der neue Schutz definitiv bestätigt ist.
  • Gesamtsituation betrachten: Krankenversicherung, Selbstbehalte, Zusatzdeckungen, Einkommenssicherung und Vermögenssituation sollten aufeinander abgestimmt sein.

Die Prämie lässt sich jedes Jahr neu optimieren. Die Versicherbarkeit nicht.

Wer seine Versicherung für 2027 optimieren möchte, sollte frühzeitig handeln: Ein Wechsel der Grundversicherung muss dem bisherigen Versicherer bis spätestens 30. November zugehen; bei Zusatzversicherungen gelten je nach Vertrag unterschiedliche und teilweise deutlich frühere Kündigungsfristen.

Weitere Informationen unter smzh.ch