Nachrichten
Wenn das Leben durch Briefe erzählt wird
Kritika Letrare: "The Correspondent" – Virginia Evans
In einer Zeit, in der wir auf WhatsApp, TikTok, Instagram oder Facebook kurze Nachrichten schreiben, mit unklaren Formulierungen und Antworten, die oft nicht einmal Worte, sondern nur Emojis enthalten, erinnert uns dieses Buch daran, wie wichtig es ist, lange und gut durchdachte Briefe zu verfassen. Es lädt uns ein, den Menschen zu schreiben, die wir lieben, denen, die fern oder nah leben, mit besonderer Sorgfalt, aber auch jenen, die wir im Alltag häufig aus der Kommunikation ausschließen, um dadurch stärkere soziale Bindungen zu schaffen.
“The Correspondent”, der Debütroman von Virginia Evans, erschienen im Jahr 2025 und auf der Liste der New York Times Best Seller, ist eine Erzählung, die vollständig in Form von Briefen gestaltet ist. Der unerwartete Erfolg der Autorin kam nach einem langen und keineswegs einfachen Weg. Zuvor hatte sie bereits acht weitere Bücher geschrieben, doch keines davon schaffte es in die Regale der Buchhandlungen.
Die epistolare Form des Romans, in der ein klassischer Erzähler fehlt, erlaubt nicht immer eine durchgehende Erzählstruktur oder besonders tiefe persönliche Gedanken, wie sie oft nur im stillen Selbstgespräch entstehen. Dennoch überwindet der Roman diese Grenze durch die Vielfalt seiner Figuren und ihrer Alltage und offenbart uns mit jedem Brief oder jeder E Mail ein neues Stück Geschichte. Wir fühlen uns als aktive Teilnehmende der Erzählung. Nach und nach entfaltet sich durch unsere eigene Leserinterpretation ein komplexes Geflecht von Beziehungen und menschlichen Dynamiken, in dem Vergangenheit und Gegenwart auf eindrucksvolle Weise ineinander verwoben sind.
Die Hauptfigur des Romans, Sybil Van Antwerp, eine Frau in ihren siebziger Jahren, hat den Brief stets sowohl als Kommunikationsmittel als auch als Weg genutzt, die Komplexität der Welt besser zu verstehen. Sie führt ein ruhiges Leben ohne große Ereignisse und verbringt ihre Zeit überwiegend in Gedanken an die Vergangenheit.
In den ersten Korrespondenzen lernen wir das Leben einer Frau kennen, die einst als Anwältin und juristische Beraterin tätig war, ein Beruf, der ihr zwar Erfolg brachte, ihr Leben jedoch häufig verkomplizierte und sie mit Verlusten und Reue belastete. Gerade diese Situationen verleihen sowohl ihrer Figur als auch dem Roman Tiefe.
Die Autorin zeigt uns Sybil nicht als liebenswerte Großmutter, sondern als ambitionierte Frau mit starkem Charakter. Sie lebt allein, stellt die Entscheidungen anderer oft infrage und wünscht sich keine große Aufmerksamkeit bei Festen oder Geburtstagen. Auch wenn sie nicht immer leicht zu lieben ist, gelingt es der Autorin dennoch, uns so sehr an sie zu binden, dass wir fast sofort eine emotionale Verbindung zu ihr aufbauen und an ihrer Seite bleiben, sowohl in Momenten von Schmerz und Sehnsucht als auch dann, wenn sie Fehler macht oder sich eigensinnig und rau zeigt.
Obwohl Sybil in diesem fortgeschrittenen Alter auf ein erfahrungsreiches Leben zurückblickt, sind es die Ereignisse nach ihrer Pensionierung, die sie aus ihrer geografischen und emotionalen Isolation herausführen. Durch Menschen aus ihrer Vergangenheit, die sie stets im Herzen getragen hat, wenn auch auf Distanz, sowie durch neue Begegnungen findet sie die Kraft, die Wahrheit auszusprechen und sich der Welt erneut zu öffnen. Sie entscheidet sich, anderen zu vergeben und vor allem sich selbst.
Die Art und Weise, wie sich die Figuren entwickeln, verändern und den Mut finden, sich Ereignissen zu stellen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, erinnert uns daran, dass Veränderung möglich und manchmal sogar notwendig ist, selbst wenn wir glauben, bereits alt geworden zu sein. “The Correspondent” ermutigt uns, langsamer zu werden und zu Gewohnheiten zurückzukehren, die uns wirklich erfüllen, und uns von jenen zu lösen, die uns zwar beschäftigt erscheinen lassen, uns innerlich jedoch leer zurücklassen.
Pritë Bytyçi
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