Integration
Der Drang der Menschen nach „göttlichen Ordnungen“
Wann wird es wohl soweit kommen, dass man sich als Menschen sieht und nicht als Männer und Frauen, Einheimische und Ausländern?
Aktuell läuft in den Schweizer Kinos der Film „die göttliche Ordnung“, welche das Leben der Schweizerinnen und Schweizer im Jahr 1971 zeigt. Ich persönlich musste mir während dem Film immer wieder sagen „das ist nicht nur eine erfundene Geschichte, das geschah wirklich in der Schweiz und es ist auch nicht Hunderte von Jahren her“. Es kam beinahe zu Scheidungen, weil sich Frauen für ihr Stimmrecht engagierten. Frauen mussten eine Erlaubnis ihres Mannes einholen, wenn sie arbeiten wollten. Höchst interessant war die Stelle, als bei einer Veranstaltung die Rednerin damit argumentierte, dass die Frauen genau gleich Steuern bezahlen würden und die Chefin eines KMU’s (vehemente Gegnerin der Gleichstellung) der Rednerin die Frage an den Kopf warf: Die Ausländer bezahlen auch genau gleich Steuern, sollen sie nun etwa auch das Stimmrecht erhalten?
Und genau diese Frage beschäftigt nun immer wieder Gemeinden. Vielerorts aber wird man gleich als verrückt betrachtet, wenn man nur schon an die Idee denkt. Denn es gilt ja die geläufige Meinung: Wem es nicht gefällt, der kann ja wieder gehen. Doch heute träumt (wahrscheinlich) niemand mehr davon, wieder die alte göttliche Ordnung ohne Frauenstimmrecht einzuführen. Wann wird es wohl soweit kommen, dass man sich als Menschen sieht und nicht als Männer und Frauen, Einheimische und Ausländern? Man kann noch eher nachvollziehen, wenn man der ausländischen Bevölkerung ein Wahlrecht verwehrt, denn theoretisch wäre es dann möglich, dass man in ein Amt für 4 Jahre gewählt wird und in dieser Zeit dann die Niederlassungs- bzw. Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert wird. Doch an stichhaltigen Argumenten gegen ein Stimmrecht, damit jene Leute, welche den Staat auf die gleiche Weise mitfinanzieren, an der Urne mitbestimmen können, fehlt es meistens. Da kommen dann nur beleidigende Schimpftiraden, welche dich als Vordenker der Abschaffung dieser anderen „göttlichen Ordnung“ in die Schranken weisen möchten. Kürzlich konnte ich dies am eigenen Leib spüren, als ich die Idee aufwarf (welche notabene bereits von anderen Fachpersonen aufgeworfen wurde), man solle den Muttersprachen-Unterricht für Kinder mit Migrationshintergrund in den obligatorischen Unterricht einbauen, damit jene Kinder dann später einfacher Deutsch lernen könnten. Sogar bei jenen wenigen Personen, welche sachliche Argumente hervorbrachten, gingen die Emotionen hoch. Doch woher kommt dieser Drang des Menschen, dass man anderen gegenüber überlegen und bessergestellt sein will? Das ist wahrlich ein Problem der Menschheit und sicher nicht nur unserer Gesellschaft. Eine Elternzeit (Vorstoss von BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti), welche die Väter nun etwas besserstellen wollte, hat keine Mehrheit im Parlament ergeben, manchmal aus scheinheiligen finanziellen Gründen und häufig wegen der göttlichen Ordnung, die auch in diesem Bereich immer noch herrscht. Denn in vielen Köpfen ist es nur die Sache der Frau, nach der Geburt zu Hause zu bleiben. Der Mann hat da nichts verloren. Weshalb alles immer solange braucht, bis es salonfähig ist, ist wohl schwierig zu erklären bzw. überhaupt herauszufinden. Die Idee der teilweisen Aufhebung des Bankgeheimnisses hat vor nicht all zu langer Zeit auch für Entrüstung gesorgt und heute spricht so gut wie niemand mehr davon. Der Mensch ist wohl dazu verdammt, in vielen Bereichen seines Lebens Geduld haben zu müssen. Denn früher oder später wird bestimmt jede scheinbar von Gott gegebene Ordnung wieder aufgehoben.
*Der Autor ist Kantonsrat BDP TG
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