DE Balkani
«Wer ein Leben lang in der Schweiz gearbeitet hat, soll seine Rente auch im Kosovo beziehen können»
Die Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Westbalkan zeigen sich nicht nur in der Aussen- und Sicherheitspolitik. Sie betreffen ganz konkrete Fragen des täglichen Lebens – etwa die Altersvorsorge. Sozialversicherungsabkommen ermöglichen es Menschen, die in der Schweiz gearbeitet haben, ihre Rente auch dann zu beziehen, wenn sie ihren Ruhestand im Kosovo, in Bosnien und Herzegowina oder in Albanien verbringen. GLP-Nationalrat Patrick Hässig ist Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates (SGK-N) und arbeitet als Pflegefachmann auf einem Kindernotfall. Im Interview spricht er über Renten, die Bedeutung von Menschen mit Wurzeln im Westbalkan für das Schweizer Gesundheitswesen und die Neutralitätsinitiative.
Herr Nationalrat Hässig, Sie sind Mitglied der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, der SGK-N. Welche Berührungspunkte gibt es dort überhaupt mit Themen, die den Westbalkan betreffen?
Mehr, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt. Ein ganz konkretes Beispiel sind unsere Sozialversicherungsabkommen. Für viele Menschen mit Wurzeln im Westbalkan ist etwa die Frage wichtig, was mit ihrer Schweizer AHV- oder IV-Rente passiert, wenn sie nach ihrer Pensionierung in das Herkunftsland ihrer Familie zurückkehren möchten.
Die Schweiz hat deshalb mit verschiedenen Ländern Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen. Mit dem Kosovo besteht ein solches Abkommen seit 2019, mit Bosnien und Herzegowina seit 2021 und mit Albanien seit 2023. Dadurch können beispielsweise Staatsangehörige des Kosovo ihre Schweizer Rente auch beziehen, wenn sie ihren Wohnsitz im Kosovo haben.
Das sind sehr konkrete Fragen, die für viele Familien in der Schweiz eine grosse Bedeutung haben.
In diesem Zusammenhang hört man immer wieder den Begriff «Rentenexport». Ist das die richtige Bezeichnung?
«Rentenexport» klingt tatsächlich etwas technisch und vielleicht auch nicht besonders freundlich. Letztlich sprechen wir über Menschen, die während vieler Jahre oder sogar während ihres gesamten Arbeitslebens in der Schweiz gearbeitet und Beiträge an unsere Sozialversicherungen geleistet haben.
Für mich ist entscheidend, dass wir dafür gute und verlässliche Regeln haben. Wer hier gearbeitet und seine Beiträge bezahlt hat, soll im Alter auch die entsprechenden Leistungen erhalten. Und diese Menschen sollen grundsätzlich die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, wo sie ihren Ruhestand verbringen möchten.
Für jemanden, der sein Arbeitsleben in der Schweiz verbracht hat, dessen familiäre Wurzeln aber beispielsweise im Kosovo, in Bosnien und Herzegowina oder in Albanien liegen, kann es ein grosser Wunsch sein, nach der Pensionierung wieder dort zu leben. Dass wir mit diesen Ländern entsprechende Abkommen haben, ist deshalb wichtig und richtig.
Sie arbeiten neben Ihrem politischen Mandat selbst als Pflegefachmann auf einem Kindernotfall. Welche Bedeutung haben Menschen mit Wurzeln im Westbalkan für das Schweizer Gesundheitswesen?
Das erlebe ich in meinem beruflichen Alltag ganz unmittelbar. Im Gesundheitswesen arbeiten Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien und Wurzeln zusammen – als Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte und in vielen weiteren Gesundheitsberufen. Darunter sind auch sehr viele Menschen mit Wurzeln im Westbalkan.
Viele von ihnen sind längst Schweizerinnen und Schweizer. Sie sind hier geboren oder aufgewachsen, arbeiten hier, haben ihre Familien hier und beteiligen sich aktiv an unserer Gesellschaft und an unseren demokratischen Prozessen.
Gerade im Gesundheitswesen dürfen wir nicht unterschätzen, welchen Beitrag diese Menschen jeden Tag leisten. Ohne die vielen Mitarbeitenden mit unterschiedlichen familiären Wurzeln würde unser Gesundheitswesen nicht so funktionieren, wie wir es heute kennen. Für mich zeigt sich daran sehr konkret, wie eng unsere Gesellschaften mittlerweile miteinander verbunden sind.
Am 27. September kommt die Neutralitätsinitiative zur Abstimmung. Was hat diese Vorlage mit den Beziehungen zum Westbalkan zu tun?
Zu Beginn meiner politischen Arbeit in Bern war ich Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission. Daher kenne ich auch das Engagement der SWISSCOY im Kosovo und halte dieses für ausserordentlich wichtig.
Die Schweiz trägt seit 1999 mit der SWISSCOY zu Sicherheit und Stabilität im Kosovo bei. Davon profitiert nicht nur der Kosovo. Ein stabiler und friedlicher Westbalkan liegt auch im direkten Interesse der Schweiz. Unsere Gesellschaften sind eng miteinander verbunden. Wenn auf dem Westbalkan Frieden und Stabilität herrschen und sich die Region wirtschaftlich positiv entwickelt, profitieren davon auch wir in der Schweiz.
Mit einer Annahme der Neutralitätsinitiative wäre der SWISSCOY-Einsatz im Kosovo aus meiner Sicht akut gefährdet. Es würde mich sehr beschäftigen, wenn sich die Schweiz nach 27 Jahren aus einem Engagement zurückziehen müsste, das einen konkreten Beitrag zu Sicherheit und Stabilität geleistet und gleichzeitig viel Vertrauen zwischen der Schweiz und der Region geschaffen hat.
Für mich gibt es viele Gründe, die Neutralitätsinitiative abzulehnen. Die Gefährdung unseres friedensfördernden Engagements im Kosovo ist einer davon. Auch deshalb werde ich am 27. September ein überzeugtes Nein in die Urne legen.
GLP-Nationalrat Patrick Hässig ist Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates (SGK-N) und arbeitet als Pflegefachmann auf einem Kindernotfall.
Lesen Sie auch auf Deutsch:
«Die Neutralitätsinitiative würde unsere Friedenspolitik schwächen»
“Die Neutralitätsinitiative gefährdet den Schweizer Einsatz im Kosovo”
«Der Westbalkan und die Schweiz sind längst eng miteinander verflochten»
Ähnliche Artikel
Weitere aus DE Balkani

Der deutsche Kanzler sagt, dass die EU den Erweiterungsprozess im Westbalkan verzögert hat
- Green Coast Hotel – MGallery Collection gewinnt den Preis “Architektonisches Highlight des Jahres” bei den GRI Awards Europe 2025.
- Die Magie von Gjirokastra beeindruckt ausländische Touristen.
- Rama kritisiert die Botschafter: Die wirtschaftliche Diplomatie ist das schwächste Glied im diplomatischen Dienst.
E-Diaspora
-
Ramë Dardania nimmt am internationalen Kunstfestival in Kotor teil "Für mich ist es von großer Bedeutung, dass der Name Dardania dort, im Herzen von Kotor,... -
Belgjikë
Die Albanische Schule “Vatra” in Belgien feiert ihr 21-jähriges Bestehen. -
Arbeitskräfte ohne Rechte – das ist das Ziel der «Nachhaltigkeitsinitiative» -
Wenn ein Schweizer die Albaner verteidigt: Die starke Botschaft von Ueli Leuenberger -
“Kino Kosova” hap edicionin e 5-të në Cyrih me filma, diskutime dhe muzikë
Leben in Österreich
-
Der Eurovision Song Contest 2026 beginnt heute Abend in Wien 15 Künstler treten im ersten Halbfinale an, während das Festival unter strengen Sicherheitsmassnahmen und inmitten politischer... -
Ministerin Spiropali als Ehrengast beim Wiener Opernball -
„In Between“ – Die Ausstellung von Albana Ejupi, wo Malerei auf Skulptur trifft. -
Der “Albanische Kulturtag” kehrt nach Graz zurück, die Albaner versammeln sich am 28. September. -
Edona Bilali bringt zwei österreichische Doktoratsprogramme nach Shkodra.










