Nach dem internationalen Erfolg von “Hive” kehrt die aus Prishtina stammende Regisseurin Blerta Basholli mit dem Film “Dua” zurück. Der gemeinsam mit Nicole Borgeat geschriebene Film ist ein Projekt von nicht nur künstlerischer, sondern auch nationaler Bedeutung, das sich erneut mit dem Thema Krieg auseinandersetzt.
“Dua” gelingt es, uns emotional tief zu berühren, ohne uns zu überwältigen. Der Film versetzt uns durch seine Darstellung des Krieges in die Vergangenheit zurück – nicht mit Statistiken, scharfer Rhetorik oder Bildern von der Front, sondern durch die Erlebnisse gewöhnlicher Menschen, die den Krieg miterlebt haben, von den Protesten bis zur NATO-Intervention.
Im Mittelpunkt von “Dua” steht die gleichnamige Hauptfigur, gespielt von der Schauspielerin Pinea Matoshi. Die Handlung des Films wird aus der Perspektive des 13-jährigen Mädchens erzählt. Die Figur Dua ist vom Leben der Regisseurin selbst inspiriert.
Abgesehen von zwei oder drei Momenten, die selbst der Krieg ihr nicht aus der Jugendzeit rauben kann, wie Gespräche mit Freunden und der erste Kuss, führt Dua kein Leben wie gleichaltrige Mädchen in anderen Teilen der Welt. Ihr Leben gerät aus den Fugen, und mit der Zeit lässt ihre wachsende Wut es nicht mehr zu, dass sie schweigt. Sie beginnt sich aufzulehnen und verursacht Probleme, deren Folgen sie und ihre Familie bis zum Ende des Films begleiten.
Der Film zeigt uns einen Alltag voller Unsicherheit: Serbische Nachbarn werden zu offenen Feinden, die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich, und die Albaner verlieren einer nach dem anderen ihre Arbeitsplätze. Dennoch halten die Figuren unbeirrt an ihrem Wunsch fest, in ihrer Heimat zu bleiben und dem bevorstehenden Unheil zu widerstehen. Das Leben geht von Tag zu Tag weiter, und jeder einzelne Tag wird irgendwie überstanden.
Dieser Widerstand zeigt sich nicht nur in der Entscheidung zu bleiben, sondern auch darin, wie das gesellschaftliche Leben ausserhalb der von Serben kontrollierten staatlichen Institutionen weitergeführt wird. Eines der prägenden Merkmale dieser Zeit ist das parallele Gesellschaftssystem. Auch der Schulunterricht wird zu einem Teil dieses Widerstands. Der Unterricht findet jedoch nicht mehr in den üblichen Schulgebäuden statt, sondern in Privathäusern.
Die Szene, in der nach Zwiebeln gesucht wird, um die Wirkung des Tränengases zu lindern, Duas Konfrontation mit den Serben aus der Nachbarschaft sowie die weinende Mutter an ihrer Nähmaschine, dargestellt von Yllka Gashi in der Rolle der Zana, gehören zu den eindrucksvollsten Bildern von “Dua”. Es sind Bilder, die auch wir, die “Kriegskinder”, gemeinsam mit unseren Eltern gesehen und erlebt haben. Selbst die Stimme des albanischen Rundfunks und Fernsehens RTSH, die über den Krieg berichtet, klingt uns so vertraut, als hätten wir sie erst vor wenigen Tagen gehört.
Am Zurich Film Festival, bei dem Blerta Basholli, Produzent Valon Bajgora, die Schauspielerinnen Pinea Matoshi und Vlera Bilalli, Kostümbildnerin Leonora Mehmeti Hoxha sowie weitere Mitglieder des Filmteams anwesend waren, fand auch ein Gespräch mit dem Publikum statt. Besonders überraschend war die Beteiligung junger Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden. Sie würdigten “Dua” als einen Film, der ihnen hilft, besser zu verstehen, was der Krieg für ihre Eltern bedeutet hat.
Auch die Hauptdarstellerin, die den Krieg selbst nicht erlebt hat, erzählte, dass sie sich durch lange Gespräche mit der Regisseurin auf ihre Rolle vorbereitet habe. Dabei habe sie sich vorgestellt, dass die Folter, die Angst und die Konflikte, die im Film dargestellt werden, ihrer eigenen Familie widerfahren würden.
Es heisst, dass sich Geschichte wiederholt, wenn sie in Vergessenheit gerät. Der Film schildert mit grosser Sensibilität das Leben in Prishtina in den Jahren 1998–1999 und zeigt, wie der Krieg allmählich in den Alltag der Menschen eindringt. Anfangs ist er wie eine schwebende Bedrohung zu spüren, die noch etwas entfernt scheint. Doch mit der Zeit wird er immer präsenter und gewalttätiger. Die Figuren spüren die Gefahr, bevor sie mit voller Wucht ausbricht, wie ein leichtes Beben, das ein bevorstehendes Erdbeben ankündigt. Genau dieses anhaltende Gefühl der Bedrohung weckt den grundlegendsten menschlichen Instinkt: den Wunsch zu überleben und das Wohlergehen der eigenen Familie zu schützen.
Der Höhepunkt dieser Botschaft kommt am Ende des Films, als der Zug zum Symbol der Massenvertreibungen und der Wunden wird, die der Krieg hinterlässt.
Basholli leistet einen aussergewöhnlichen Beitrag zu unserem Filmschaffen, indem sie unseren Erinnerungen an den Kosovokrieg durch ihre Filme eine Form gibt. Dieses Engagement setzt sie auch mit “Dua” fort. Am Zurich Film Festival sprach sie zudem über ihr nächstes Projekt, das sich mit den Opfern sexueller Gewalt während des Kosovokrieges befassen wird.
Angesichts der heutigen geopolitischen Lage und in einer Zeit, in der die Erinnerungen an den Krieg im Kosovo erneut in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, in der protestiert wird und wir selbst 26 Jahre nach dem Krieg sogar wieder Tränengas erleben, könnten die Themen, die “Dua” behandelt, kaum aktueller sein.
“Dua” wurde auf verschiedenen Filmfestivals präsentiert, darunter beim Cannes Film Festival, der Semaine de la Critique, dem Seoul International Women’s Film Festival in Südkorea, dem Reykjavik International Film Festival und unter anderem dem Zurich Film Festival.
Ab dem 15. Oktober ist der Film in verschiedenen Kinos in Zürich und weiteren Schweizer Städten zu sehen.
Der Film “Dua” läuft ab dem 15. Oktober in den Kinos mehrerer Schweizer Städte. Finden Sie das nächstgelegene Kino und die Vorführzeiten auf frenetic.ch.


