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“Mein Sohn begann, mit mir Deutsch zu sprechen. An diesem Tag fragte ich mich: Verlieren wir gerade unsere Wurzeln?”

Im Jahr 2006 sass Bashkim Zejnullahu in einem Haus in der Nähe von Bern mit seinen beiden Kindern am Tisch: dem achtjährigen Laurentin und der sechsjährigen Doruntina. Er sprach mit ihnen Albanisch. Sie antworteten ihm auf Deutsch...

 

Bashkim Zejnullahu gab eine sichere Führungsposition in der Schweiz auf, um 2007 in den Kosovo zurückzukehren. Heute leitet er drei Unternehmen mit über 80 Mitarbeitenden und verantwortet eine Investition von 20 Millionen Euro, mit dem Ziel, zu einem regionalen Marktführer in Europa zu werden.

Im Jahr 2006 sass Bashkim Zejnullahu in einem Haus in der Nähe von Bern mit seinen beiden Kindern am Tisch: dem achtjährigen Laurentin und der sechsjährigen Doruntina. Er sprach mit ihnen Albanisch. Sie antworteten ihm auf Deutsch. Das war nichts Neues. Neu war jedoch, dass er an diesem Abend beschloss, das Thema offen anzusprechen.

“Ich sagte zu ihnen: Ich möchte, dass wir zu Hause Albanisch sprechen”, erinnert er sich.

Die Antwort seines Sohnes kam sofort und war aus seiner Sicht völlig logisch: “Warum? Wir sind hier in der Schweiz. Warum müssen wir Albanisch sprechen?”

Zejnullahu war damals 31 Jahre alt. Fünfzehn Jahre in der Schweiz. Vier abgeschlossene Ausbildungen. Eine Führungsposition in einem internationalen Unternehmen, eine eigene Immobilie seit 1996 und ein bis ins kleinste Detail geregeltes Leben. Rund 80 Prozent seines Freundeskreises bestand aus Schweizern und Italienern.

Mit anderen Worten: Er war ein Beispiel für gelungene Integration.

“Und in diesem Moment fragte ich mich einfach: Verlieren wir gerade unsere Wurzeln?”

Diese Frage behielt er nicht für sich. Gemeinsam mit seiner Ehefrau traf er die Entscheidung. Zunächst wollten sie ihren Aufenthalt im Kosovo zeitlich begrenzen: ein Jahr, vielleicht zwei. Eine Auszeit vom Leben in der Schweiz, damit die Kinder die Sprache lernen und sich integrieren konnten. Seine Arbeitsstelle in der Schweiz blieb gesichert.

“Ich sagte: Wir gehen.”

Zwanzig Jahre später

Heute, zwei Jahrzehnte nach jenem Abend, leitet Zejnullahu drei Unternehmen im Kosovo mit über 80 Mitarbeitenden. Derzeit steht er kurz vor dem Abschluss einer Investition von rund 20 Millionen Euro in die Papierverarbeitung in der Gemeinde Viti. Dort entsteht eine Fabrik mit modernster Technologie, die mit Unterstützung der Gemeinde, des einheimischen Bankensektors und einer Gruppe von Aktionären aufgebaut wird. Das Projekt soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Geplant ist, 80 bis 90 Prozent der Produktion auf den europäischen Markt zu exportieren.

Sein Ziel formuliert er ohne zu zögern: regionaler Marktführer in seiner Branche zu werden.

“Ich denke, dass dieses Projekt von nationalem Interesse sein wird.”

Mit 16 Jahren auf dem Bau

Im Mai 1991, als sich die politische Lage im Kosovo zunehmend verschärfte, organisierte sein Vater den Familiennachzug. Bashkim war 16 Jahre alt, als er gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Schwester in die Schweiz kam. Das Leben war einfacher, die Integration hingegen nicht. Deshalb begann er, zusammen mit seinem Vater auf dem Bau zu arbeiten.

“Es war keine leichte Arbeit, aber vielleicht war es für mich eine Art Schule”, sagt er. “Ich habe verstanden, dass man für das arbeiten muss, was man erreichen möchte.”

Im September kehrte er in den Kosovo zurück, um seine Schulbildung fortzusetzen. Doch die Schulen wurden nicht geöffnet, und der Unterricht fand stattdessen in Privathäusern statt. Er ging deshalb wieder in die Schweiz und begann, sich seine Zukunft Schritt für Schritt aufzubauen: Deutschunterricht am Abend nach der Arbeit, sechs Monate in einer Autogarage in der Nähe von Bern, die zehnte Klasse an einer regulären Schweizer Schule und anschliessend Deutschland, wo er Sprachkurse besuchte und ein Jahr lang eine höhere Ausbildung im Rechnungswesen absolvierte, die er selbst finanzierte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz bildete er sich in den Bereichen Finanzen und Rechnungswesen sowie später im Marketing weiter.

“Wenn man in der Schweiz den Beruf wechseln möchte, muss man dafür nicht unbedingt die Arbeit aufgeben”, erklärt er. “Es gibt immer Möglichkeiten, sich abends und samstags weiterzubilden.”

Als er 1996 seine erste Immobilie kaufte, war sein Vater damit nicht einverstanden.

“Mein Vater sagte zu mir: ‘Du bist verrückt, warum investierst du dort und nicht im Kosovo?'”

Elf Jahre später sollte der Sohn seinem Vater recht geben.

Von Zeitungen zu Pellets, von Pellets zu Papier

Im Juni 2007 zog die Familie in den Kosovo. Aus dem ursprünglich geplanten Aufenthalt von ein oder zwei Jahren wurde schliesslich ein dauerhafter Lebensmittelpunkt.

Sein erster Einstieg in den Markt erfolgte in einem Bereich, den er kannte: den Medien. Über das Schweizer Unternehmen Jurmel eröffnete er eine Niederlassung von NewspaperDirect Canada für den Kosovo, Albanien und Mazedonien und sicherte sich die Lizenzen für alle drei Märkte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau begann er, internationale Zeitungen und Zeitschriften wie die Financial Times, Der Spiegel und weitere Titel an Institutionen, Camps, Banken und Hotels zu vertreiben.

“Ich kam nicht aus dem Journalismus, und Journalismus war auch nie mein Beruf. Aber ich bekam die Möglichkeit, diesen Bereich zu einem Geschäft zu machen.”

Als Onlineportale den Markt für gedruckte Zeitungen zunehmend verdrängten, wurde das Unternehmen geschlossen. Seine Ehefrau blieb für diesen Geschäftsbereich verantwortlich, während er sich nach neuen Möglichkeiten umsah. In den Jahren 2008 und 2009 stieg er in die Getreideverarbeitung ein. 2010 und 2011 wandte er sich der Holzverarbeitung zu: zunächst mit Briketts, später mit Pellets. Damit gehörte er zu den ersten Produzenten im Land. Die Produktionskapazitäten wurden erweitert, und auch in Mazedonien wurde ein weiterer Produktionsstandort eröffnet.

“Manchmal bin ich irgendwo ein wenig gescheitert, habe dabei aber immer etwas Neues gelernt”, sagt er über diese Zeit. “Doch die Möglichkeiten hier waren enorm.”

Heute ist sein Unternehmen FER vom Kosovo aus in einem Markt tätig, in dem seine Konkurrenz nach eigenen Angaben in der Schweiz und in Deutschland sitzt und nicht in der Region.

“In der Schweiz verlangt das System viel grössere Mengen und deutlich mehr Zeit. Hier hatte ich die Möglichkeit, mit verschiedenen Technologien zu experimentieren und den Stand zu erreichen, an dem wir heute sind.”

Dem Schweizer hatte man geraten, das Hotel nicht zu verlassen

Die erste Hürde waren die Vorurteile. In den ersten Tagen des Betriebs kam ein Freund aus der Schweiz, Markus Meier, um bei der Installation der Anlagen zu helfen. Als Zejnullahu ihn in seinem Hotel in Ferizaj abholen wollte, stellte er fest, dass sein Freund aus Angst vor einem Überfall sein Portemonnaie, seinen Pass und sämtliche persönlichen Gegenstände im Zimmer zurückgelassen hatte.

Am zweiten Tag liess sein Freund das Portemonnaie an der Rezeption. Am dritten Tag ging er bereits allein mitten in der Stadt einen Kaffee trinken.

“Er sagte zu mir: ‘Man hatte mir erzählt, dass es hier schlechte Menschen gibt. Aber in Wirklichkeit ist es ganz anders.'”

Einen ähnlichen Vergleich zieht er auch bei der Entwicklung des Landes:

“Wir sind aus einem vollständig geregelten System in eine Art ‘Nicht-System’ zurückgekehrt. Aber wenn ich den Kosovo von 2007 mit dem Kosovo von 2026 vergleiche, haben wir riesige Fortschritte gemacht.”

Mit Kritik hält er sich dennoch nicht zurück. Die Finanzsysteme weisen Schwächen auf, es gibt Politisierung und vieles ist nicht eindeutig geregelt.

“Aber trotzdem gibt es Möglichkeiten.”

Die Rechnung mit dem “grossen Kosovo”

Seine Argumentation gegenüber der Diaspora basiert nicht auf Patriotismus, sondern auf einer nüchternen Rechnung.

“Wenn man den Kosovo als ein Gebiet von 10’000 Quadratkilometern betrachtet und mit der Schweiz vergleicht, erscheint er sehr klein”, sagt er. “Wenn man aber den ‘grossen Kosovo’ betrachtet, also auch die Diaspora einbezieht, dann sieht das Potenzial ganz anders aus.”

Den Export von Humankapital betrachtet er als eine noch offene Schuld:

“Wir haben Europa Hunderttausende gut ausgebildete junge Menschen im besten Alter gegeben, die bereit waren zu arbeiten, ohne dass diese Länder in ihre Erziehung und Ausbildung investieren mussten.”

“In gewisser Weise schuldet uns die Schweiz sehr viel.”

Doch dieses Zeitfenster bleibt nicht unbegrenzt offen. Seine Nichten in der Schweiz, die noch keine 22 Jahre alt sind, verbringen ihre Ferien auf Bali und in Spanien und denken nicht einmal mehr daran, den Kosovo zu besuchen. Mit ihnen spricht er Deutsch.

“Eine Generation nach ihnen wird vielleicht nicht einmal mehr wissen, wo der Kosovo liegt. Und das wird in den nächsten 20 oder 30 Jahren passieren.”

Deshalb gibt es seiner Meinung nach nur zwei Möglichkeiten: zurückkehren oder sich mit voller Überzeugung integrieren.

“Denn es war keineswegs einfach. Bashkim Zejnullahu zu heissen, mit einem Hans Müller zu konkurrieren und dabei als vollkommen gleichwertig angesehen zu werden, das war nicht immer selbstverständlich.”

Epilog

Die Schweiz verleugnet er nicht:

“Auch den Schweizer Staat schätze und respektiere ich sehr. Ich bin ihm dankbar für die Chance, die er uns damals gegeben hat, als wir praktisch keine anderen Möglichkeiten hatten.”

Doch auf die Frage, ob er irgendwann wieder dorthin zurückkehren würde, antwortet er ohne zu zögern:

“Schauen Sie, ganz ehrlich, heute denke ich überhaupt nicht mehr daran, in die Schweiz zurückzukehren.”

Die beiden Kinder, die ihm früher auf Deutsch antworteten, sind heute in die Familienunternehmen eingebunden. Beide besitzen die Schweizer Staatsbürgerschaft. Würde er sie heute fragen, ob sie wieder in der Schweiz leben möchten, wäre ihre Antwort laut ihrem Vater ein Nein.

“Auf keinen Fall.”