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Die Frage, die ihr Vater ihr jeden Abend stellte, wurde zu ihrem Geschäftsmodell

Jeta Zagragja kehrte nicht aus Opferbereitschaft von Chicago zurück, sondern weil es sich für sie wirtschaftlich rechnete. Sie baute ein Unternehmen von fünf auf 95 Mitarbeitende aus, verkaufte es 2021 und gründete nur wenige Wochen später ein neues.

“Was hast du heute geschaffen?”

Ihr Vater stellte ihr diese Frage jeden Abend, ohne auch nur einen auszulassen. Es war keine Frage, die er nur stellte, um etwas zu sagen; er erwartete konkrete Antworten. Jahre später entdeckte Jeta Zagragja in Chicago eine ganze Kultur, die auf derselben Denkweise beruhte.

“Amerika ist wie eine Maschine, die ständig in Bewegung ist und dich dazu antreibt, jeden Tag etwas zu schaffen”, sagt sie. “Ich bin mir nicht sicher, ob ich das dort gelernt habe oder ob ich einfach etwas wiedergefunden habe, das ich bereits in mir trug.”

Heute leitet sie AnchorzUp, ein Unternehmen mit rund 40 Vollzeitbeschäftigten und mehr als 35 Kunden in den USA, der Schweiz, Schweden, Australien und Kanada. Zuvor hatte sie ein anderes Unternehmen aufgebaut, dessen Mitarbeiterzahl sie von fünf auf rund 95 steigerte, bevor sie es an eine Investorengruppe aus Chicago verkaufte.

Die Rückkehr als wirtschaftliche Entscheidung, nicht als Opfer

Ihre Ausreise aus dem Kosovo hatte nichts mit dem amerikanischen Traum zu tun. Nach ihrem Studium am RIT absolvierte sie einen MBA in Chicago, mit einem klaren Ziel: herauszufinden, wie sie sich auf einem wesentlich grösseren und wettbewerbsintensiveren Markt behaupten würde als jenem, den sie kannte.

Auch ihre Rückkehr erfolgte nach derselben Überlegung. “Ich habe meine Rückkehr nicht als Opfer betrachtet, sondern als rationale Entscheidung”, sagt sie. “Dieselbe Arbeit, die ich in Amerika leisten würde, hat hier eine viel grössere Wirkung.” Sie begann bei Gjirafa und wechselte später zu Cacttus. Die eigentliche Herausforderung bestand ihrer Ansicht nach nicht darin, amerikanische Standards an die kosovarische Realität anzupassen, sondern darin, diese Standards im Kosovo aufrechtzuerhalten.

Von fünf auf fünfundneunzig Mitarbeitende

Bei UCX stieg sie in einer frühen Unternehmensphase als Partnerin mit Kapitalbeteiligung ein. Das Unternehmen wuchs von fünf auf rund 95 Mitarbeitende und wurde 2021 verkauft.

Eine magische Entscheidung gab es nicht. Stattdessen musste sie mit Investitionsunsicherheiten umgehen, internationale Kunden gewinnen und Strukturen von Grund auf aufbauen. Daraus zog sie ihre wichtigste Erkenntnis.

“Erfolg bedeutet nicht, alles selbst zu machen. Erfolg bedeutet, ein System aufzubauen, das auch dann funktioniert, wenn man selbst nicht da ist. Am Anfang sind wir Unternehmer alles zugleich: Manager, Designer, Verkäufer und Psychologen. Doch mit der Zeit besteht die wichtigste Lektion darin, loslassen zu lernen – ‘to let go’.”

Der Verkauf war für sie vor allem eine Bestätigung: Auch im Kosovo lässt sich ein Unternehmen aufbauen, das von einer Investorengruppe aus Chicago geschätzt und gekauft wird.

Zwei Neuanfänge gleichzeitig

Nur wenige Wochen nach dem Verkauf gründete sie gemeinsam mit ihrem Mitgründer Lumi das Unternehmen AnchorzUp. Sechs Mitglieder des früheren Teams schlossen sich ihnen an.

Im selben Zeitraum wurde sie zum ersten Mal Mutter. “Zwei Start-ups im Leben, eines biologisch, das andere beruflich”, sagt sie. “Eine Pause einzulegen, war keine Option, die mich reizte.”

Das Problem, das ihr Unternehmen löst, ist nicht der Mangel an Talenten, sondern der Mangel an professionell gemanagten Kapazitäten. Die Kunden wachsen schneller, als sie neue Mitarbeitende einstellen können. AnchorzUp stellt ihnen einsatzbereite Teams zur Verfügung, die das Unternehmen selbst rekrutiert und betreut – und nicht bloss eine Liste mit Namen.

Vorurteile überwinden

Ausländische Kunden davon zu überzeugen, dass ein Team aus dem Kosovo dieselbe Qualität bieten kann, bleibt eine der grössten Herausforderungen. “Es gibt Vorurteile, mangelndes Wissen über den Kosovo und Bedenken hinsichtlich der Stabilität. Die Kunden kommen nicht einfach so zu uns.”

Sie vergleicht ihre Arbeit mit der Landwirtschaft. Über die Jahre hat sie in Beziehungen statt in einzelne Geschäfte investiert und viele Brücken bereits aufgebaut, bevor das Unternehmen überhaupt existierte. “Die Früchte zeigen sich nicht sofort. Doch wenn sie kommen, entstehen daraus langfristige Partnerschaften.”

Die einzige Frau am Tisch

Oft war sie die einzige Frau bei Besprechungen und zugleich die Jüngste am Tisch. Am stärksten spürte sie Vorurteile in der Annahme, dass hinter ihr ein Mann stehen müsse, der die schwierigen Aufgaben übernehme.

Diesen Vorurteilen begegnete sie mit Ergebnissen statt mit Beschwerden. “Ich verlange keine Sonderbehandlung, nur weil ich eine Frau bin. Ich möchte an meinen Ergebnissen, an der Qualität meiner Arbeit und an meiner Art zu führen gemessen werden.”

Epilog

Ihre Botschaft an alle, die noch am Anfang ihres Weges stehen, ist einfach: anfangen und während des Prozesses lernen, ohne die Angst für sich entscheiden zu lassen. Jeta rät jungen Menschen, nicht darauf zu warten, dass ihnen jemand den Weg ebnet, sondern ihn selbst zu gestalten, bei Bedarf um Hilfe zu bitten und sich ein unterstützendes Umfeld aufzubauen.

“Gebt nicht auf, auch wenn ihr glaubt, dass euch niemand wahrnimmt. Freut euch über die kleinen Erfolge, denn sie geben euch die Energie, weiterzumachen. Und nehmt Ablehnungen nicht persönlich – sie gehören zum Prozess.”

Anstatt sich darüber Sorgen zu machen, wo sie in zehn Jahren stehen werden, empfiehlt sie das, was sie “Microambition” nennt: die Konzentration auf den nächsten Schritt. “Schaut euch an, was heute vor euch liegt – ein Problem, ein Projekt oder eine Chance – und gebt euer Bestes. Ein langer Weg entsteht, indem man auf den nächsten Schritt blickt und nicht auf einen Kilometer in der Ferne.”

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