{"id":927069,"date":"2026-05-28T09:34:38","date_gmt":"2026-05-28T07:34:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=927069"},"modified":"2026-05-28T09:34:38","modified_gmt":"2026-05-28T07:34:38","slug":"arbeitskraefte-ohne-rechte-das-ist-das-ziel-der-nachhaltigkeitsinitiative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/arbeitskraefte-ohne-rechte-das-ist-das-ziel-der-nachhaltigkeitsinitiative\/","title":{"rendered":"Arbeitskr\u00e4fte ohne Rechte \u2013 das ist das Ziel der \u00abNachhaltigkeitsinitiative\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Als ich k\u00fcrzlich eine Journalistin durch meine Heimatstadt Wil f\u00fchrte, wurde mir so richtig bewusst, wie stolz ich als Secondo auf die Generation meiner Eltern sein darf. Der Stadtrundgang war ein Heimspiel. Gleich beim Bahnhof passierten wir ein B\u00fcrohaus, das mein Onkel als Saisonnier mitgebaut hat. Auch mein Vater arbeitete auf diversen Baustellen, bevor er in eine Fabrik wechselte. Als Angeh\u00f6rige der ersten Migrantengeneration haben sie mit harter Arbeit massgeblich zum Wohlstand unseres Landes beigetragen. Doch es dauerte 14 Jahre, bis mein Vater seine Familie nachziehen konnte \u2013 ich war acht Jahre alt, als ich in die Schweiz kam. Seit ich selber Vater bin, verstehe ich noch besser, wie beschwerlich diese Jahre f\u00fcr all die betroffenen Familien waren.<\/p>\n<p>Das Saisonnierstatut ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte. Es beschr\u00e4nkte den Aufenthalt der \u00abGastarbeiterinnen\u00bb und \u00abGastarbeiter\u00bb auf neun Monate pro Jahr. Die Saisonniers bauten, flickten, bepflanzten und bekochten die Schweiz. Sie erhielten wenig Lohn, zahlten Steuern, hatten aber kaum Rechte. Hinter diesem System stehen zehntausende zerrissene Familien. Menschen wie der Neurop\u00e4dagoge Egidio Stigliano, der sich als Kind in den sp\u00e4ten 60ern tags\u00fcber im Wald von Altst\u00e4tten verstecken musste, aus Angst vor der Fremdenpolizei. M\u00fctter wie jene der preisgekr\u00f6nten Wissenschaftlerin Paola De Martin, welche nur die traumatisierende Wahl hatten, ihre Kinder zur\u00fcckzulassen oder bei sich zu verstecken. Arbeiter wie der heute pensionierte Unternehmer Giuseppe Per\u00f2, der sich an der Grenze in Chiasso jeweils auch bei Eisesk\u00e4lte ausziehen und in die lange Schlange einreihen musste, um sich r\u00f6ntgen zu lassen. Der Familiennachzug war lange untersagt und sp\u00e4ter nur unter strengen Bedingungen erlaubt. Stellen- oder Wohnortwechsel waren nicht vorgesehen. Wenn eine Frau schwanger wurde, musste sie gehen. 2002 setzte die Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit diesem unw\u00fcrdigen Statut endlich ein Ende. Wer die ersch\u00fctternde Ausstellung \u00abWir, Saisonniers\u2026\u00bb in der Z\u00fcrcher Photobastei besucht, dem wird klar: Dieser Zustand darf nie zur\u00fcckkehren. Am 14. Juni aber steht genau das zur Abstimmung.<\/p>\n<p><strong>Entrechtung statt Nachhaltigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die SVP-Initiative \u00abKeine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)\u00bb wirbt mit kitschigen Landschaftsbildern und Familien, die \u00fcber gr\u00fcne Alpwiesen wandern. Das ist eine Irref\u00fchrung. Diese Initiative w\u00fcrde das Bev\u00f6lkerungswachstum nicht stoppen. Die Schweizer Wirtschaft w\u00e4re auch k\u00fcnftig auf Zuwanderung angewiesen. Die demografische Entwicklung ist die Hauptursache des Fachkr\u00e4ftemangels. Mit dem Renteneintritt der Babyboomer nimmt das inl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fteangebot massiv ab. Die Initiative verfolgt im Kern denn auch ein ganz anderes Ziel. Wie so oft lohnt es sich, den Text genau zu lesen. Entscheidend ist: Zur st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung, die begrenzt werden soll, z\u00e4hlen nur jene, die l\u00e4nger als zw\u00f6lf Monate in der Schweiz leben. Im Klartext: Migrantinnen und Migranten sollen auch k\u00fcnftig in die Schweiz kommen d\u00fcrfen, um zu arbeiten \u2013 aber nicht f\u00fcr ein ganzes Jahr, und nicht mit ihrer Familie. Die SVP will nicht weniger Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder in der Schweiz. Sie will Arbeitskr\u00e4fte ohne Rechte. \u00abGastarbeiterinnen\u00bb und \u00abGastarbeiter\u00bb. Menschen, die unsere Alten und Kranken pflegen, unsere H\u00e4user bauen, unsere B\u00fcros reinigen, aber ohne ihre Familien kommen, ohne dauerhaftes Aufenthaltsrecht und ohne Schutz.<\/p>\n<p>Jene Bauern, die nun ihre Wiesen und \u00c4cker mit Stoppschild-Plakaten bepflanzen, f\u00fcrchten sich offenbar nicht vor dem Fachkr\u00e4ftemangel: ihre Erntehelfer brauchen sie nur saisonal. Das ist kleingeistiges Silodenken. Zum Gl\u00fcck verstehen viele Pers\u00f6nlichkeiten aus der Wirtschaft, dass die Schweiz als modernes, innovatives Land schon immer von Zuwanderung profitiert hat. Der Erfolg der Schweiz basiert auf Talent, Unternehmergeist und Offenheit. Zugewanderte haben Firmen wie Nestl\u00e9 und Swatch aufgebaut, welche bis heute Arbeitspl\u00e4tze schaffen und zum Wohlstand unseres Landes beitragen. Wer starre Zuwanderungsgrenzen in die Verfassung schreiben will, gef\u00e4hrdet die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweiz.<\/p>\n<p>Genaue Lekt\u00fcre lohnen auch die \u00dcbergangsbestimmungen: Wenn die Wohnbev\u00f6lkerung die Marke von 9,5 Millionen \u00fcberschreitet \u2013 also voraussichtlich in wenigen Jahren \u2013 werden als Erste die Schw\u00e4chsten entrechtet. Gefl\u00fcchtete mit vorl\u00e4ufiger Aufnahme erhalten kein Bleiberecht mehr. Der Asylbereich und der Familiennachzug werden eingeschr\u00e4nkt. Danach, bei \u00dcberschreitung der Zehnmillionengrenze, sollen wichtige internationale Abkommen gek\u00fcndigt werden \u2013 gem\u00e4ss Bundesrat auch die Menschenrechtskonvention, die Fl\u00fcchtlingskonvention und die Kinderrechtskonvention. Schliesslich k\u00e4me die K\u00fcndigung der Personenfreiz\u00fcgigkeit. Man k\u00f6nnte diese Initiative auch nicht \u00abkreativ\u00bb umsetzen wie damals die viel offener formulierte Masseneinwanderungsinitiative. Die SVP hat aus ihren Fehlern gelernt. Der Initiativtext ist unmissverst\u00e4ndlich. Er zielt klar auf eine Zweiteilung der Gesellschaft. Oben die niedergelassenen Herrschenden. Unten die rechtlosen Zugewanderten.<\/p>\n<p><strong>Ein \u00abNie wieder\u00bb zum Saisonnierstatut<\/strong><\/p>\n<p>Der Erfolg der rohstoffarmen Schweiz basiert auf einer seit Jahrzehnten wirksamen Formel. Stabile, rechtsstaatliche direkte Demokratie. Kultur der Konkordanz und des sozialen Ausgleichs. Zuwanderung und Integration von motivierten, talentierten Menschen. Es darf nicht sein, dass unser erfolgreiches Land, welches wirtschaftlich auf die migrantische Bev\u00f6lkerung baut, diese gleichzeitig entrechtet. Die Wiedereinf\u00fchrung des Saisonnierstatuts ist das eigentliche Ziel dieser Initiative, die in einer langen Tradition diskriminierender Volksbegehren steht. Ein wuchtiges Nein zur SVP-Initiative am 14. Juni ist auch eine Geste des \u00abNie wieder!\u00bb \u2013 nie wieder wollen wir zur\u00fcck zum unw\u00fcrdigen Saisonnierstatut.<\/p>\n<p>Die Schweiz darf sich nicht abschotten. Im Gegenteil, sie muss neue Wege zur Zugeh\u00f6rigkeit er\u00f6ffnen. Hannah Arendt hat das Recht auf Rechte als das fundamentalste aller Rechte bezeichnet: das Recht, \u00fcberhaupt Teil einer politischen Gemeinschaft zu sein, die einen sch\u00fctzt. Eine Demokratie, welche dieses Recht mehr als einem Viertel ihrer Wohnbev\u00f6lkerung verweigert, ist eine unvollkommene Demokratie. Ein Nein am 14. Juni ist ein wichtiges Bekenntnis dazu, dass alle Menschen, die dauerhaft in diesem Land leben, w\u00fcrdig behandelt werden. Die Debatte \u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit und B\u00fcrgerrecht wird danach weitergehen. Wir ben\u00f6tigen keine diskriminierende und ausschliessende, sondern eine lebendige und wahrhaftige Demokratie.<\/p>\n<p><em>Arb\u00ebr Bullakaj (40) ist Nationalrat (SP, St. Gallen) und IT-Unternehmer aus Wil SG. Er ist der Sohn eines ehemaligen Saisonniers und der Co-Initiant der Demokratie-Initiative.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neueste SVP-Initiative will die migrantische Bev\u00f6lkerung entrechten und das Saisonnierstatut zur\u00fcckbringen. Ein Nein am 14. Juni ist ein Bekenntnis dazu, dass alle, die dauerhaft in diesem Land leben, w\u00fcrdig zu behandeln sind.<\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":655510,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24636,1134,3908,24006,24631,1133,1140],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[29888,31836,31837],"class_list":["post-927069","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten-de-4","category-integration","category-meinungen","category-lajme-jeta-ne-zvicer-de","category-nachrichten-de-2","category-e-diaspora-de","category-leben-in-der-schweiz","content_country-zvicer","content_country-austria-de","content_country-germany-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/927069","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/31"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=927069"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/927069\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":927071,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/927069\/revisions\/927071"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/655510"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=927069"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=927069"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=927069"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=927069"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=927069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}