{"id":81098,"date":"2015-04-29T11:02:13","date_gmt":"2015-04-29T09:02:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/?p=81098"},"modified":"2015-04-30T12:54:35","modified_gmt":"2015-04-30T10:54:35","slug":"die-albaner-sollten-aufhoren-nationale-und-religiose-werte-zu-misssbrauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/die-albaner-sollten-aufhoren-nationale-und-religiose-werte-zu-misssbrauchen\/","title":{"rendered":"\u201cDie Albaner sollten aufh\u00f6ren, nationale und religi\u00f6se Werte zu misssbrauchen\u201d"},"content":{"rendered":"<p>In einem Exklusivinterview f\u00fcr <a href=\"http:\/\/albinfo.ch\">albinfo.ch<\/a> spricht Arsim Zekolli \u00fcber die j\u00fcngsten Ereignisse in Makedonien nach einem Vorfall, der sich gestern an der Grenze zwischen Makedonien und Kosova ereignete und bei welchem eine bewaffnete Gruppe einen Grenzpolizeiposten angriff. Zudem \u00e4ussert er sich \u00fcber die politische Krise, die Stellung der albanischen Parteien sowie andere aktuelle Themen.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Wie beurteilen Sie die j\u00fcngsten Ereignisse in Makedonien, wo nun nach einem Vorfall im Grenzgebiet Makedonien-Kosovo Fragen der Sicherheitslage die tiefe politische Krise an Aktualit\u00e4t zu \u00fcberbieten versuchen. Was geschieht wirklich, angesichts der vielen widerspr\u00fcchlichen Nachrichten, die wir erhalten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zekolli: <\/strong>Auf den ersten Blick ist es Teil des Szenarios zur Ablenkung von der tiefen Staats- und politischen Krise, die das Land seit Bekanntwerden der Informationen \u00fcber die Lauschangriffe, die jetzt von der makedonischen Opposition LSDM (Makedonische Sozialdemokratische Union) ver\u00f6ffentlicht werden, erfasste. Der gestrige Vorfall sollte die Aufmerksamkeit von den Skandalen der Regierung Gruevski-Ahmeti ablenken und eine Atmosph\u00e4re aufbauen, in der es um die Bedrohung der Sicherheitslage und der staatlichen Stabilit\u00e4t geht, als Vorwand f\u00fcr die Verh\u00e4ngung des Ausnahmezustands und anschliessend eines k\u00fcnftigen Verbotes der Verbreitung von kompromittierenden Nachrichten. Tats\u00e4chlich ist dies nur einer von mehreren Versuchen aus Kreisen der Geheimdienste zur Inszenierung von Spannungen, die bis anhin mittels falschen U\u00c7K-Communiqu\u00e9s mit gef\u00e4lschten Unterschriften erzeugt wurden. Diese Hartn\u00e4ckigkeit veranlasst mich zur Bef\u00fcrchtung, dass die von der VMRO-DPMNE (Innere Mazedonische Revolution\u00e4re Organisation \u2013 Demokratische Partei f\u00fcr Mazedonische Nationale Einheit) und der BDI (Bashkimi demokratik p\u00ebr integrim, dt. Demokratischer Zusammenschluss f\u00fcr die Integration) inszenierten Vorf\u00e4lle weiter anhalten werden.<\/p>\n<p>Das Erstaunliche im Zusammenhang mit diesem Vorfall war die Reaktion der BDI, die parallel zu jener des Innenministeriums erfolgte und eine vielsagende Schlussfolgerung beinhaltet, die Anlass zu Skepsis gibt. In besagter Reaktion der BDI heisst es unter anderem, &#8220;wir fordern die Intensivierung der regionalen Zusammenarbeit, zur Sicherung der Stabilit\u00e4t und Einengung des Handlungsspielraums von Gruppen&#8221;, was indirekt \u00fcber den regionalen Aspekt darauf anspielt, dass die betreffenden Gruppen aus der Nachbarschaft seien, im konkreten Fall aus Kosova. Interessanterweise stimmt dies mit der Beurteilung des makedonischen Innenministeriums betreffend die Infiltration von Gruppen aus Kosova \u00fcberein, was sowohl von den Beh\u00f6rden in Prishtina wie auch von den dortigen NATO-Truppen sogleich dementiert wurde.<\/p>\n<p>Diese Koordination in den Haltungen scheint nicht zuf\u00e4llig zu sein, sondern eine Strategie teuflischster Art, die zwei Zwecken dient \u2013 einem staatlichen und einem pers\u00f6nlich-politischen. Der staatliche Zweck h\u00e4ngt damit zusammen, dass eine Destabilisierung Makedoniens unter den gegebenen Bedingungen, nach welchen alle Nachbarstaaten NATO-Mitglieder sind, keine Beunruhigung der westlichen Entscheidungszentren erzwingen kann. Denn Makedonien kann in einer derartigen Situation lediglich implodieren, nicht aber explodieren und die Nachbarschaft in einen Konflikt hineinziehen. Die Verwicklung Kosovas als von der makedonischen Politik traditionell verhasster Faktor sollte diese Konnotation der Internationalisierung der Krise und der Einigung der Makedonier zur Verteidigung gegen den \u201eausl\u00e4ndischen Staatsterrorismus\u201c herstellen.<\/p>\n<p>Der zweite Grund, der pers\u00f6nlich-politische, steht im Zusammenhang mit der T\u00e4tigkeit des Sondergerichts in Kosovo, die Ali Ahmeti, Musa Xhaferi und einige Pers\u00f6nlichkeiten aus der F\u00fchrung der BDI wegen Verdachts auf verschiedene Missbr\u00e4uche w\u00e4hrend und nach dem Krieg in Kosovo involvieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auf ein verst\u00e4rktes Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung lassen die medialen Appelle hoffen, die an die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger von Likova, Kumanova, Shkup gerichtet waren, sich nicht provozieren zu lassen, und die forderten, dass die ironisch so genannte \u201eBefreiungsarmee von K\u00ebr\u00e7ova\u201c wenn schon dann irgendeine Schlacht in Zajaz anzetteln solle und nicht in jener Region, die 2001 am meisten gelitten hatte, n\u00e4mlich jene von Kumanova und Skopje.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch:\u00a0Wie beurteilen Sie die verst\u00e4rkte politische Krise und die Tatsache, dass es keine ernsthaften Anzeichen zu einer \u00dcberwindung derselben gibt? Was w\u00e4re ein realistischer L\u00f6sungsweg, um hinsichtlich einer politischen und juristischen L\u00f6sung in der Abh\u00f6raff\u00e4re und den anderen Prozessen zu einem positiven Epilog zu kommen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Zekolli: <\/strong>Ich bezweifle, dass eine solche L\u00f6sung im Augenblick m\u00f6glich ist, weil mehrere Systeme, die sich mit der L\u00f6sung der Situation befassen m\u00fcssten, kollabiert sind. Wir haben es mit einer Krise von v\u00f6llig abgewerteten Institutionen zu tun, welchen kein Mensch vertraut. Es ist eine politische Krise, wegen der vollst\u00e4ndigen Erosion der Demokratie. Es ist eine wirtschaftliche Krise, wegen der schwindelerregenden Ausgaben der Regierung. Es ist eine Krise des Vertrauens gegen\u00fcber dem internationalen Faktor, wegen der Unterst\u00fctzung von v\u00f6llig kriminalisierten und korrumpierten Parteien. Und, zu guter Letzt, haben wir es mit einer Krise der Identit\u00e4ten zu tun, die anf\u00e4nglich die Makedonier belastete, sich jedoch nun auch bei den Albanern ereignet, wegen religi\u00f6sen Einfl\u00fcssen.<\/p>\n<p>So zeigt uns der jetzige Zustand das allm\u00e4hliche Ende eines degenerierten Systems, das in Makedonien herrschte und herrscht, schon seit der Unabh\u00e4ngigkeit, konstruiert exklusiv zu Gunsten der makedonischen Parteien und ihren Partnern von den servilen sogenannt albanischen politischen Parteien.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Wie sehen Sie die Rolle der albanischen Parteien in dieser Entwicklung, vor allem jene der BDI, die Teil der Regierungskoalition ist? Denken Sie, dass wir es mit einem Prozess der Abwertung ihrer Rolle als politischem Faktor, einem Prozess ihres Ausschlusses zu tun haben, in Anbetracht dessen, dass sie an den Gespr\u00e4chen in Br\u00fcssel, die nur zwischen den beiden makedonischen Parteien stattfinden, nicht anwesend sind?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zekolli: <\/strong>Die albanische Partei am Ruder ist in der jetzigen Phase g\u00e4nzlich ein Instrument der makedonischen Politik, entsprechend dem Projekt der Akademie der Wissenschaften und K\u00fcnste Makedoniens, die inzwischen auch durch albanisches Personal verst\u00e4rkt wurde, gem\u00e4ss dem zur Teilung des Landes ausgearbeiteten Plan nach der Idee \u201ejenseits der Grenze in Grup\u00e7in\u201c. Diese aufgezwungene Ideologie der Trennung, die noch aus der Zeit des Kommunismus stammt, entwickelten die Makedonier in jenem Geist, der besagt: \u201eDie einheimischen Albaner sind gut (das bezieht sich auf jene von Tetova, Gostivar, K\u00ebr\u00e7ov\u00eb), doch die Zuz\u00fcgler aus Albanien und Kosova sind unzivilisiert und feindlich (was sich auf Dib\u00ebr, Struga, Kumanova und Shkup bezieht).\u201c Nach diesen Aspirationen sollten Tetova, Gostivar, K\u00ebr\u00e7ova und Dib\u00ebr in gewissem Mass von Makedonien getrennt werden, w\u00e4hrend Skopje, Kumanova und Struga auf der anderen Seite der Grenze verbleiben w\u00fcrden. Die Absicht ist klar, wenn wir uns das totale Ausbleiben von Investitionen in Skopje, Kumanova und Struga mit dem Segen der BDI und der PDSH (Albanische Demokratische Partei) vergegenw\u00e4rtigen; die Ausl\u00f6schung der albanischen Geschichte in Skopje mit dem Projekt Skopje 2014, mit dem Einverst\u00e4ndnis der BDI und der PDSH, die systematische Sabotage, die die Albaner in diesen Orten von der makedonischen Seite und deren treuen Dienern aus der BDI und der PDSH erfahren; die traditionell schlechte Vertretung des albanischen Bev\u00f6lkerungsteils in der Verwaltung der drei genannten St\u00e4dte, im Unterschied zu jenen aus den Gebieten jenseits von Grup\u00e7in, wie es den Pr\u00e4ferenzen der BDI und der PDSH entspricht; dass, auf Insistieren der BDI und der PDSH, Skopje und Kumanova durch die westliche Diplomatie hartn\u00e4ckig ignoriert werden; die Versuche von den makedonischen und serbischen Informationsdiensten nahestehenden albanischen Kreisen, die Shkupianer und Kumanovaren als radikale Fundamentalisten darzustellen, und parallel dazu mit der orthodoxen Herkunft einer Handvoll Albaner aus Reka e Ep\u00ebrme Propaganda zu betreiben, was die Reaktionen des westlichen Faktors mildern sollte etc.<\/p>\n<p>Deshalb stellt die fehlende Pr\u00e4senz der BDI an den Gespr\u00e4chen in Br\u00fcssel keinerlei Handicap f\u00fcr die Albaner dar, denn auch wenn sie dabei w\u00e4re, w\u00fcrde das nichts \u00e4ndern. Ganz einfach deshalb, weil sie nicht handelndes Subjekt ist, sondern ein Manipulationsinstrument, das von der VMRO-DPMNE herumdiktiert und gelenkt wird. Im Falle eines Regierungswechsels w\u00fcrde dies hingegen die LSDM tun, die die BDI als \u201egute, folgsame und den makedonischen Interessen entsprechende Albaner\u201c erben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber diese Gespr\u00e4che sind wichtig, denn sie zeigen die Beharrlichkeit, mit welcher die makedonischen Parteien die parteienm\u00e4ssige und personelle Vertretung in der Regierung zu ver\u00e4ndern suchen, dies jedoch unter Beibehaltung der politischen Kontinuit\u00e4t. Es sei daran erinnert, dass bei den letzten nationalen Wahlen die VMRO-DPMNE und die LSDM sich auf eine ethnische Koalition in Struga und K\u00ebr\u00e7ov\u00eb einigten, mit dem Einverst\u00e4ndnis des damaligen Parteif\u00fchrers Branko Crvenkovski. Nun machen Zoan Zaev und Frau Shekerinska das Gleiche, aber auf staatlicher Ebene, und akzeptieren monoethnische Gespr\u00e4che, wodurch Nichtmakedonier und Albaner ignoriert werden. Nehmen wir noch Zaevs Erkl\u00e4rung hinzu, mit welcher er Ali Ahmeti amnestiert, w\u00e4hrend F\u00ebr\u00e7kovski dies gleich f\u00fcr die BDI als Ganzes tut, dann braucht es nicht mehr viel, um zu verstehen, dass die Makedonier f\u00fcr sich Ver\u00e4nderungen w\u00fcnschen, jedoch Kontinuit\u00e4t im Umgang mit den Albanern.<\/p>\n<p><strong>Albinfo: <\/strong><strong>Brauchen die Albaner angesichts all dieser Entwicklungen eine dichtbesetzte Agenda, um die Verwirklichung jener Rechte voranzubringen , die schon seit langem einer L\u00f6sung harren, wie der Frage des Gebrauchs der eigenen Sprache, der nationalen Symbole, oder auch anderer Forderungen, die eine deutlichere Gleichberechtigung der Albaner schaffen w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zekolli: <\/strong>Der Handlungsspielraum wird immer enger, doch besteht noch Hoffnung. Tatsache ist, dass die (albanisch-)national orientierte Politik durch Verbrechen und Korruption diskreditiert ist. Die Albaner Makedoniens sind nicht weniger national eingestellt als die anderen, doch entt\u00e4uscht von den Vertretern, die sich als exklusive Patrioten darstellen, und wegen des Hasses diesen gegen\u00fcber sind sie nun dazu \u00fcbergegangen, auch der nationalen Politik nicht mehr zu vertrauen, und wenden sich deshalb der Religion zu. Diese wird ihrerseits zur n\u00e4chsten Entt\u00e4uschung werden, wenn wir uns vergegenw\u00e4rtigen, dass es auch da um menschliche Profile der gleichen Art, mit Hintergedanken und zweifelhaften Motiven geht. Solche Personen versuchen sich uns unter dem Deckmantel des Islams als Alternative aufzudr\u00e4ngen, obwohl sie keinesfalls eine Alternative darstellen. Zumindest keine albanische.<\/p>\n<p>Wenn bez\u00fcglich nationaler und ethischer Werte eine so massive Demoralisierung herrscht, bleibt als einziger Weg, die missbrauchten patriotischen und religi\u00f6sen Werte durch universale b\u00fcrgerliche, zivilisationsf\u00f6rdernde und gesellschaftliche Werte zu ersetzen. Die \u00fcberall f\u00fcr jedes Individuum, Volk oder jede Gesellschaft gleichermassen g\u00fcltig sind \u2013 Verantwortung in Recht und Steuerwesen, Kampf gegen Verbrechen und Korruption, Pflege der Meinungs\u00e4usserungs- und Diskussionsfreiheit, etc.<\/p>\n<p>Demzufolge sollten die Albaner f\u00fcr staatsb\u00fcrgerliche Konzepte eintreten \u2013 nicht solche der makedonischen Art, mit welchen \u00fcber Jahrzehnte Missbrauch betrieben worden war \u2013 und eine politische Vertretung aufbauen, die in erster Linie f\u00fcr das Individuum, den albanischen B\u00fcrger, da ist, und nicht eine nebul\u00f6se Vertretung des Kollektivs, die sich als unendliches Feld f\u00fcr Manipulationen und Missbr\u00e4uche erwiesen hat. In diesem Sinne erachte ich es als angebracht, auch die jungen albanischen Akademikerinnen und Berufsleute in der Schweiz, Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich aufzurufen, ihr Heimatland zu unterst\u00fctzen \u2013 nicht finanziell, sondern indem sie ihre Stimme erheben, mit Studien, Analysen, Informationen \u00fcber unsere Lage, unsere Rechte und unsere Interessen. Und dass sie der Manipulation und dem Missbrauch auf dem R\u00fccken der Diaspora durch Individuen, die im Namen des Schutzes und der Interessen der emigrierten Bev\u00f6lkerung es darauf abgesehen haben, eine politische Karriere im Inland aufzubauen oder fremden Angelegenheiten zu dienen, ein Ende bereiten m\u00f6gen. Es finden offensichtliche qualitative Ver\u00e4nderungen in den Generationen in der Emigration statt. Im Unterschied zu den andern, die in der Heimat eine M\u00f6glichkeit zu schneller Bereicherung durch den Einstieg in die Politik erblicken.<\/p>\n<p><strong>Interview: Naser Pajaziti<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Exklusivinterview f\u00fcr albinfo.ch spricht Arsim Zekolli \u00fcber die j\u00fcngsten Ereignisse in Makedonien nach einem Vorfall, der sich gestern an der Grenze zwischen Makedonien und Kosova ereignete und bei welchem eine bewaffnete Gruppe einen Grenzpolizeiposten angriff. Zudem \u00e4ussert er sich \u00fcber die politische Krise, die Stellung der albanischen Parteien sowie andere aktuelle Themen. 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