{"id":77239,"date":"2015-03-12T23:24:14","date_gmt":"2015-03-12T22:24:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/?p=77239"},"modified":"2015-03-12T23:25:13","modified_gmt":"2015-03-12T22:25:13","slug":"die-werte-des-islams-stehen-nicht-im-widerspruch-zum-europaischen-laizismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/die-werte-des-islams-stehen-nicht-im-widerspruch-zum-europaischen-laizismus\/","title":{"rendered":"Die Werte des Islams stehen nicht im Widerspruch zum europ\u00e4ischen Laizismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> Die albanischen Imame sind in verschiedenen Vereinen organisiert. Weshalb, und m\u00fcsste es eine einheitliche Vereinigung geben?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili:<\/strong> Es gibt nicht viele Vereine, es sind nur zwei K\u00f6rperschaften, denen die Imame angeh\u00f6ren, und diese sind zwischen sich nicht verfeindet, sondern es war ganz einfach eine Teilung administrativer Natur bei der Organisation der entsprechenden Kollektivform gem\u00e4ss Gesetzen und Verfassung der Schweiz, und wir arbeiten auf eine gemeinsame repr\u00e4sentative K\u00f6rperschaft hin.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> In den schweizerischen Medien wird von radikalen Predigten in Moscheen berichtet. Haben Sie Informationen und haben Sie eine Strategie, um den Radikalismus einzuschr\u00e4nken?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili:<\/strong> Ja, wir h\u00f6rten von den Medien, und auch in den Wandelhallen der muslimischen Theologen wird dar\u00fcber gesprochen, dass es F\u00e4lle von Predigten in sch\u00e4rferer und aggressiverer Sprache als bis jetzt \u00fcblich gibt. Ich denke, es geht um isolierte F\u00e4lle und die Linie, die die UISZH verfolgt, besteht in mehr Bildung der Imame, darin, dass das Masterstudium auch komparative Religionswissenschaft, interreligi\u00f6sen Dialog, das Studium der Humanwissenschaften, Kenntnisse der kulturellen, religi\u00f6sen und ethnischen Vielfalt, Kenntnisse der europ\u00e4ischen Geschichte und Kultur allgemein umfassen soll, um die Botschaften des Islams dank logischer und wissenschaftlicher Argumente und in \u00dcbereinstimmung mit den realen Anliegen der Gesellschaft leichter \u00fcberbringen zu k\u00f6nnen. Meines Wissens kamen bis vor ein paar Jahren alle Imame, die in die Schweiz kamen, aus dem Herkunftsland, f\u00fcr einen oder drei Monate oder f\u00fcr ein Jahr. Zuerst wurde f\u00fcr sie jeweils ein Dekret von den Islamischen Gemeinschaften des Herkunftslands verf\u00fcgt, was mit der Visaliberalisierung nicht mehr zu funktionieren scheint, und deshalb ist es unm\u00f6glich, zu kontrollieren, wer kommt und was gepredigt wird. W\u00fcrde dieses Gesetz in Kraft gesetzt, w\u00e4- re das zum Vorteil der Moscheen, der albanischen Glaubensgemeinden, der Islamischen Gemeinschaft des Herkunftslandes wie auch f\u00fcr die Sicherheit des Schweizer Staates. Die UISHZ organisierte in den letzten Jahren mehrere Seminare f\u00fcr die albanischen Imame in der Schweiz, mit hervorragenden Professoren aus den erw\u00e4hnten Gebieten. Sie gibt Brosch\u00fcren heraus, es werden Diskussionen organisiert und in letzter Zeit unternahmen wir Schritte zur Vereinheitlichung des Lehrprogramms f\u00fcr alle Religionsschulen, die im Rahmen der albanischen Moscheen in der Schweiz funktionieren, und j\u00fcngst geht es um die Ausarbeitung eines vereinheitlichten Reglements f\u00fcr alle albanischen islamischen Zentren etc.<\/p>\n<p><strong>Die albanischen Imame werden \u00fcbergangen, weil sie die schweigende Mehrheit bilden, die f\u00fcr die Medien nicht attraktiv ist<\/strong><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> In einem neulich \u00fcber die Muslime in der Schweiz ver\u00f6ffentlichten Text sprachen ein konvertierter Muslim, eine Person aus dem Nahen Osten und eine Albanerin, die mehr Aktivistin als ein ausgebildeter Imam ist. Weshalb werden die Imame aus dem Balkan bei der Repr\u00e4sentation des Islams \u00fcbergangen, wenn doch die Albaner und die Bosniaken die Mehrheit der Gl\u00e4ubigen bilden?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Ja, unsere Imame werden von den Medien auf nationaler und lokaler Ebene teilweise \u00fcbergangen, weil sie die schweigende Mehrheit bilden, die keinerlei Attraktivit\u00e4t bietet f\u00fcr die Medien, die leider offensichtlich mehr daran interessiert sind, jenen Organisationen, die eine grosse Minderheit innerhalb der hiesigen Muslime bilden und sich laut geb\u00e4rden, mehr Medienraum zu geben, als dem Mainstream, der zu Mass, Reife und Respektierung der \u00f6ffentlichen Ordnung aufruft.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> Die Mehrheit der Albaner in der Schweiz sind Muslime, die zweite und auch die dritte Generation kommt im Laufe des Erwachsenwerdens in der Schweiz in eine Phase der Suche nach der eigenen Identit\u00e4t. Sie sehen sich drei Identit\u00e4ten gegen\u00fcber, jener als Schweizer B\u00fcrger, der ethnischen Identit\u00e4t als Albanerin und der religi\u00f6sen, als Muslim. Inwieweit sind die vom islamischen Glauben tradierten Werte vereinbar mit der Integration in ein laizistisches und s\u00e4kulares Rechts- und Gesellschaftssystem in der Schweiz, wo die autochthone Bev\u00f6lkerung christlich ist?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Die vom Islam tradierten Werte kollidieren nicht mit dem Laizismus, der in seinem Kern die b\u00fcrgerliche, religi\u00f6se, nationale und kulturelle Identit\u00e4t der verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen respektiert. Wir erinnern daran, dass die Schweizer Verfassung in Artikel 2, Paragraf 2 die kulturelle Vielfalt in diesem Land garantiert. Ebenso wird in Artikel 15 der Verfassung die Freiheit der Glaubensaus\u00fcbung auf individueller wie kollektiver Ebene garantiert. Angeh\u00f6rige des christlichen Glaubens und die laizistische Ordnung sind kein Hindernis in einer Gesellschaft, wo die Verfassung die religi\u00f6sen Rechte der andern respektiert, und die Werte, die der Islam in die Gesellschaft bringt, werden durch diese Gesetze nicht gebrochen.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> Es gab F\u00e4lle, wo M\u00e4nner es ablehnten, dass ein m\u00e4nnlicher Arzt ihre Ehefrau kontrolliere, und der Mann sprach im Namen der Frau. Dinge, die in der modernen schweizerischen und europ\u00e4ischen Gesellschaft allgemein inakzeptabel sind. Was raten Sie den Gl\u00e4ubigen in solchen F\u00e4llen zu tun? Wie passend ist der hanefitische Ansatz, um den islamischen Glauben in der Schweiz zu leben oder zu praktizieren? \u00c4hnliche F\u00e4lle k\u00f6nnen sich auch in den Schulen ereignen, wenn es um den Besuch des Schwimmunterrichts geht und jemand die Trennung von M\u00e4dchen und Knaben fordert. Kann sich die zweite oder die dritte Generation in der schweizerischen Gesellschaft integrieren, wenn solche Dinge zu einer Angelegenheit werden?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Die moderne schweizerische und europ\u00e4ische Gesellschaft allgemein k\u00f6nnte nicht eine solche sein, also eine moderne und kosmopolitische, wenn sie nicht den Multikulturalismus respektierte, der a priori die Respektierung der kulturellen Eigenschaften aller verfassungskonformen und mit den europ\u00e4ischen Werten \u00fcbereinstimmenden Glaubensgemeinschaften mit einbegreift. Die Muslime haben vollst\u00e4ndig Recht, zu verlangen, dass ihre kulturellen Werte, die den Glauben betreffen, in den Institutionen respektiert werden. Dieses Recht ist ihnen garantiert, und es ist nach europ\u00e4ischen Werten \u00fcberhaupt nichts Verwunderliches, zu verlangen, dass die Frau von einer weiblichen \u00c4rztin untersucht werden solle und der Schwimmunterricht nach Geschlecht getrennt sein soll. Die Europ\u00e4er selbst trennten die WC\u2018s f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen, und niemand sagt, dass dies eine Diskriminierung sei und dem europ\u00e4ischen Geist widerspreche. Das sind unsere Eigenheiten, und in \u00dcbereinstimmung mit den europ\u00e4ischen und schweizerischen Werten verlangen wir, dass uns ihre Aus\u00fcbung erm\u00f6glicht wird. Wenn wir darin zeitweise nicht unterst\u00fctzt werden, weisen wir die Muslime an, gem\u00e4ss dem momentan gesetzlich Erlaubten zu handeln.<\/p>\n<p><strong>Die Beziehung des Islams zur schweizerischen Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> \u00a0Wenn die Schweizer Medien \u00fcber diese Dinge zu berichten beginnen, denken Sie, dass die einheimische Bev\u00f6lkerung, die in ihrer Mehrheit christlich ist und auch eine beachtliche Gruppe von Atheisten umfasst, das Gef\u00fchl haben k\u00f6nnte, ihre Kultur sei in Gefahr, und in dieser Gesellschaft finde schon in der Primarschule eine Segregation statt? Wie sehen Sie im Kontext der letztgenannten Fragen die Integration der Albanerinnen und Albaner muslimischen Glaubens, die von Ihnen Anweisungen erwarten, um ein Leben in dieser Gesellschaft zu f\u00fchren?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Die schweizerische Gesellschaft im allgemeinen europ\u00e4ischen Kontext ist eine Gesellschaft des Respekts gegen\u00fcber den Andern und deren Kultur. Deshalb sollte die Forderung einer Gemeinschaft nach Respektierung ihrer kulturellen Eigenheiten in einer Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Respektierung der Werte aufbaut, niemanden \u00e4ngstigen, denn sie stimmt mit dem Geist der Demokratie und den westlichen Werten \u00fcberein. Respekt f\u00fcr sich selbst zu verlangen, ist f\u00fcr niemanden eine Gefahr.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> \u00a0Reden die Imame in der Schweiz in zwei Sprachen, einer f\u00fcr die Medien und einer f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen in der Moschee?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Die Sprache der Imame ist auf allen Ebenen die gleiche, doch es kann vorkommen, dass sie falsch interpretiert oder falsch verstanden wird, oder dass ihre Worte in einen falschen Kontext \u00fcbertragen werden und dass dies dann Verwirrung stiftet. Deshalb sollte der Imam pers\u00f6nlich konsultiert und nicht die anonym weitergegebenen Worte eines Imams beurteilt werden.<\/p>\n<p><strong>Der globale Islam, die Albaner und sein Widerschein im allt\u00e4glichen Leben hier<\/strong><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> \u00a0In Frankreich machte eine Zeitschrift mit unbedeutender Auflage (60\u2018000 Exemplare auf eine Bev\u00f6lkerung von 60 Millionen) einige Karikaturen, von welchen sich einige Muslime beleidigt f\u00fchlten, und es kam zu Morden und zur Radikalisierung der Haltungen zwischen Franzosen unterschiedlicher ethnischer und religi\u00f6ser Herkunft. Wieso nicht diese Dinge Gott zur Beurteilung in der Ewigkeit \u00fcberlassen? Mohammed selbst hinterliess den Auftrag, nicht mit jenen zu verkehren, die ihn verspotteten, doch er rief nicht zu Mord oder Strafe auf, sondern zur Ignorierung. Weshalb werden ein paar Zeichnungen zu einer Angelegenheit, anstatt dass sie ignoriert werden?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Der Islam ruft nicht zu Mord auf, und ebenso wenig rechtfertigt er eine solche Tat. Doch Spott kann provozieren, und es kann zu radikalen Handlungen kommen, die auch wir als Theologen nicht kontrollieren k\u00f6nnen. Zudem werden diese Dinge in den meisten F\u00e4llen politisiert, um bei grossen protestierenden Menschenmengen emotionale Reaktionen zu verursachen, worauf letztere im Zeichen der Revolte auf der Strasse randalieren und bestimmt profitiert irgendeine Gruppe von dieser Situation. Oder irgendeine satirische Zeitschrift, die sich monatelang nicht verkauft und an die kaum jemand denkt, macht vorw\u00e4rts, indem sie die Werte einer Religion schwer beleidigt, und ein paar Individuen haben materiellen Profit.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch:<\/strong> \u00a0Oft wurde gefordert, dass der Islam als Religion gesetzlich gesch\u00fctzt werden sollte, die Forderungen gr\u00fcnden auf einigen Gesetzen, haupts\u00e4chlich in Deutschland betreffend die Leugnung des Holocausts, nicht f\u00fcr den Schutz des j\u00fcdischen Glaubens. In den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern gibt es keine solchen Gesetze, auch in der Schweiz nicht. Gibt es Grund, dies f\u00fcr den Islam in der Schweiz zu tun?<\/p>\n<p><strong>Imam N. Ismaili<\/strong>: Das hiesse das Problem falsch angehen, es wird nicht verlangt, dass der Islam als Religion gesch\u00fctzt werden soll, wenn jemand damit nicht einverstanden ist oder ihm widerspricht, doch es wird verlangt, dass die Pers\u00f6nlichkeiten und Heiligen, die von den Angeh\u00f6rigen eines Glaubens verehrt werden, vor Spott und Missachtung ihrer W\u00fcrde gesch\u00fctzt werden, nicht vor dem Nichteinverstandensein mit ihnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview f\u00fcr Albinfo.ch spricht der Pr\u00e4sident der UISHZ (Vereinigung der albanischen Imame der Schweiz), Imam Nehat Ismaili, \u00fcber Themen, die seine Gl\u00e4ubigen besch\u00e4ftigen, die hiesige \u00f6ffentliche Meinung, \u00fcber die von ihm geleitete Vereinigung, und dar\u00fcber, wie sich der Radikalismus des Islams im Image der Albaner in der Schweiz reflektiert, u.a.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":77195,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1588],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-77239","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-albaner-der-schweiz-und-der-islam-dossier"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77239"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77239\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/77195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77239"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=77239"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=77239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}