{"id":73732,"date":"2015-02-05T13:57:49","date_gmt":"2015-02-05T12:57:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/?p=73732"},"modified":"2015-02-10T16:17:43","modified_gmt":"2015-02-10T15:17:43","slug":"kosova-entleert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/kosova-entleert-sich\/","title":{"rendered":"Kosova entleert sich"},"content":{"rendered":"<p>Die massenhaften Ausreisen der Kosovaren in Richtung L\u00e4nder Europas nahmen dieser Tage weiterhin zu. Allein vom Busbahnhof in Prishtina fuhren gestern zehn Autobusse ab.<\/p>\n<p>Zusammen mit f\u00fcnfzig andern Kosovaren hatte er sich mit dem Autobus auf den Weg gemacht, illegal nach Deutschland zu reisen, doch weiter als bis nach Merdar, dem Grenz\u00fcbergang von Kosova nach Serbien, kam er nicht. Mustafa Bislimi, 61-j\u00e4hrig, aus dem Dorf Bullofc in der Gemeinde Podujev\u00eb, starb im Autobus auf seiner letzten Reise.<\/p>\n<p>Sein Ziel war ein anderes als jenes der andern f\u00fcnfzig Menschen gewesen, die in Richtung Belgrad aufgebrochen waren, um von dort nach Subotica &#8211; dem von Kosovaren in den letzten Monaten meistfrequentierten Ort &#8211; weiterzureisen. Bislimi hatte sich laut seinen Angeh\u00f6rigen auf den Weg gemacht, um seine Tochter in Deutschland zu besuchen, doch starb er unterwegs an einem Herzinfarkt.<\/p>\n<p>Seine Familienangeh\u00f6rigen sagen, er sei bei sehr guter Gesundheit gewesen.<\/p>\n<p>&#8220;Im Bus hatte er nach Wasser verlangt, weil er sich nicht gut gef\u00fchlt hatte. Er fiel und war sofort tot&#8221;, sagte ein Verwandter von ihm. Mustafa Bislimi soll morgen im Dorf seiner Geburt beerdigt werden.<\/p>\n<p>Er war der zweite Kosovare, der sein Leben auf der illegalen Reise in die Europ\u00e4ische Union liess. Ein Monat zuvor war ein anderer Albaner, aus der Gemeinde Ferizaj, an der serbisch-ungarischen Grenze gestorben. Er war der K\u00e4lte erlegen, die ungarischen Beh\u00f6rden fanden ihn erfroren im Wald.<\/p>\n<p>Der massenhafte Aufbruch aus Kosova in Richtung L\u00e4nder Europas nimmt dieser Tage immer gr\u00f6ssere Ausmasse an. Allein vom Busbahnhof Prishtina fahren jeden Abend um die zehn Autobusse mit Ziel Ungarn ab, und dort drehen sie nach irgendeinem andern europ\u00e4ischen Staat, Frankreich, Deutschland oder \u00d6sterreich, ab.<\/p>\n<p>Nachdem der Trend zum Abhauen die letzten Monate nur die Regionen um Gjilan und Ferizaj betroffen hatte, erfasst die Massenbewegung nun in j\u00fcngster Zeit auch die Gebiete um Mitrovica, Skenderaj und Podujev\u00eb.<\/p>\n<p>Albinfo.ch begab sich zum Busbahnhof in Prishtina, um dem Exodus der Kosovaren aus der N\u00e4he beizuwohnen. Junge Leute mit Sporttaschen um die Schultern, Familienv\u00e4ter mit Frau und Kindern, aber auch Kranke sind es, die Schlange stehen, um einen Sitz in einem der Autobusse der Firmen Ardi, Fjolla, Erhan etc. zu ergattern.<\/p>\n<p>Kaum h\u00e4lt der Autobus, wollen alle st\u00fcrmisch hineindr\u00e4ngen. Auch zu Beschimpfungen zwischen jenen Passagieren, die sich nicht im Voraus ein Billet gesichert haben, kommt es. &#8220;Dr\u00e4ng nicht so, du Spinner&#8221;, schreit einer, der zwei Kinder bei sich hat. Doch unter den gegebenen Umst\u00e4nden n\u00fctzen solcherlei Kraftausdr\u00fccke kaum etwas.<\/p>\n<p>Em\u00ebrllahu, ein etwa Sechzigj\u00e4hriger, ist zum Busbahnhof gekommen, um seinen Sohn, seine Schwiegertochter und seinen zweij\u00e4hrigen Enkel zu verabschieden. &#8220;Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, wegzugehen, und niemand konnte sie davon abhalten. Mein Enkel tut mir leid, um die beiden Erwachsenen mache ich mir keine Sorgen&#8221;, sagt er mit schwacher Stimme.<\/p>\n<p>Der Mann aus der Umgebung von Prishtina sagt, der Grund, weshalb sein Sohn weggehe, sei die mangelnde Perspektive. &#8220;Er hat Jus abgeschlossen und sich an zwanzig Stellen beworben. Nirgends nahmen sie ihn, manchmal wurde er nicht einmal zum Gespr\u00e4ch vorgeladen&#8221;, erz\u00e4hlt Em\u00ebrllahu.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Mann bereit war, sich f\u00fcr albinfo.ch zu \u00e4ussern, wollten andere nichts sagen.<\/p>\n<p>Einige schimpfen, w\u00e4hrend sie sich durchs Gedr\u00e4nge zw\u00e4ngen, auf die politischen Leader. &#8220;M\u00f6ge ich doch diesen Dieben die M\u00fctter f&#8230; . Sie sind alle Million\u00e4re geworden, und das Volk stirbt vor Hunger. Vet\u00ebvendosja (eine politische Bewegung; die \u00dcbers.) hat Recht, wenn sie dazu aufruft, dieses Land in Flammen zu setzen, denn anders geben die Diebe die Macht nicht aus der Hand&#8221;, sagt ein anderer der Subotica-Reisenden.<\/p>\n<p>&#8220;Siehst du jenen jungen, hinkenden Mann. Er ist von Drenas. Er fiel w\u00e4hrend Maurerarbeiten an einem Haus vom zweiten Stock, und hat nun seine Gesundheit eingeb\u00fcsst. Er geht nach Frankreich in der Hoffnung, geheilt zu werden&#8221;, erkl\u00e4rt ein etwa Dreissigj\u00e4hriger. Auch auf unsere hartn\u00e4ckige Bitte hin will sich der Betroffene jedoch nicht selbst \u00e4ussern.<\/p>\n<p>Eine Fahrkarte von Prishtina nach Belgrad kostet f\u00fcnfzehn Euro; allein am Sonntagabend brachen zehn Autobusse von Prishtina mit Destination Belgrad auf.<\/p>\n<p>Nach einer Berechnung von Eurostat verliessen allein in den letzten zwei Monaten mehr als 20&#8217;000 Kosovarinnen und Kosovaren ihr Land in Richtung EU. Das Emigrationsb\u00fcro des ungarischen Innenministeriums best\u00e4tigte gegen\u00fcber lokalen Medien, bis zum 25. Januar seien 6000 Kosovaren registriert worden.<\/p>\n<p>Innert dreier Monate durchquerten 24&#8217;000 Kosovaren Ungarn.<\/p>\n<p>Auch die neueste Nachricht kommt aus Budapest, wonach die ungarische Polizei an einem Bahnhof \u00fcber 200 kosovarische Staatsangeh\u00f6rige angehalten hat. Unter den Fl\u00fcchtlingen, deren Ziel \u00d6sterreich ist, befinden sich viele Kinder.<\/p>\n<p>Die Bildungsdirektorin der Gemeinde Prishtina, Arbrie Nagavci, schrieb auf ihrem Facebookprofil, nur in der Gemeinde Prishtina h\u00e4tten in den letzten Monaten mehr als 810 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ihre Schulbank verlassen.<\/p>\n<p>Das gleiche Drama spielt sich auch in der Gemeinde Gjilan ab. Dort begannen 350 Kinder weniger das zweite Schulhalbjahr. Und auch in der Region Ferizaj sind es 400 weniger, und in Mitrovica verringerte sich die Zahl der Schulkinder um 300.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Massenaufbruch mit zunehmender Intensit\u00e4t weiter stattfindet, unternehmen die Beh\u00f6rden in Prishtina nichts Konkretes, um ihn anzuhalten. Vor einer Woche debattierte das kosovarische Parlament \u00fcber den j\u00fcngsten Exodus, doch kam es nicht zu einer Resolution gegen die illegale Migration, weil die Minister der Regierung und die Parlamentarier der Mehrheit die Sitzung verliessen und damit ein ungen\u00fcgendes Quorum schufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kosovo spielt sich je l\u00e4nger je mehr ein Drama illegaler Ausreisen ab. albinfo.ch berichtet exklusiv aus Prishtina<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":73677,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1130,1129],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-73732","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","category-ch-balkan"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73732","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=73732"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73732\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/73677"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=73732"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=73732"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=73732"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=73732"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=73732"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}