{"id":620687,"date":"2023-01-23T12:20:59","date_gmt":"2023-01-23T11:20:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=620687"},"modified":"2023-01-23T12:55:28","modified_gmt":"2023-01-23T11:55:28","slug":"mehrsprachigkeit-als-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/mehrsprachigkeit-als-chance\/","title":{"rendered":"Mehrsprachigkeit als Chance"},"content":{"rendered":"<p>Ermira Ljutvija ist vielen unserer Leserinnen und Lesern bekannt. Unz\u00e4hlige Portr\u00e4ts, Berichte und \u00dcbersetzungen hat sie f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/alnbinfo.ch\">albinfo.ch<\/a> verfasst. 2018 begann die ehemalige Primarlehrerin mit dem Masterstudium Fachdidaktik Deutsch an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und der P\u00e4dagogischen Hochschule Z\u00fcrich. Zu diesem Dreifachengagement kam sp\u00e4ter noch eine Anstellung als Wissenschaftliche Assistenz an der PH Z\u00fcrich hinzu, was das Hobbyschreiben vorrerst ganz in den Hintergrund geraten liess.<\/p>\n<p>Heute holen wir sie wieder zur\u00fcck in die Redaktion, veranlassen aber einen Rollenwechsel. Interviewt wird heute Ermira, Lehrbeauftragte f\u00fcr Fachdidaktik Deutsch und Deutsch als Zweitsprache an der P\u00e4dagogischen Hochschule Zug.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Liebe Frau Ljutvija, ein erster Blick auf Ihre Berufskarriere verr\u00e4t, die Arbeit im Dienste der Sprache muss Ihnen wirklich am Herzen liegen. Welche Erfahrungen best\u00e4rkten Sie, das Fach Deutsch zum Beruf zu machen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ermira Ljutvija:<\/strong> Ich muss zugeben, meine Wahl beruht weniger auf bestimmten Erfahrungen, sondern schlichtweg auf meiner Faszination f\u00fcr die deutsche Sprache. Und ja, vielleicht spielte mein erstsprachlicher Hintergrund doch eine gewisse Rolle. Ich erlebte Deutsch vom Kindergarten an als Herausforderung und habe deswegen stets versucht, hinter das Geheimnis dieses f\u00fcr mich komplexen Systems zu kommen.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Wenn Sie Deutsch lernen herausfordernd fanden, dann k\u00f6nnen Sie bestimmt nachvollziehen, wie und weshalb einige Kindern M\u00fche damit haben. Geben Sie diese Erfahrungen Ihren Studierenden weiter?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ermira Ljutvija:<\/strong> Meine Erfahrungen als Deutschlernerin eher weniger, vielmehr baue ich meine Erfahrungen als Lehrerin in multikulturellen Schulen in meine Seminare ein. Ich gebe auch Module in Fachdidaktik Deutsch als Zweitsprache, in denen ich aufzeige, welche sprachlichen H\u00fcrden Kindern mit nicht deutscher Erstsprache im Weg stehen. Es ist wichtig, dass zuk\u00fcnftige Lehrpersonen m\u00f6gliche Benachteiligungen erkennen, wissen, wie und weshalb diese entstehen und sich spezifisches Fachwissen aneignen, um ihren Unterricht auf die individuellen Voraussetzungen ihrer Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auszurichten.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Auf bildungspolitischer Ebene ist die Wichtigkeit und Notwendigkeit von DaZ-Unterricht unbestritten und doch bringt der Ruf \u00abDaZ-Kind\u00bb zu sein, so etwas wie einen ersten Image-Schaden f\u00fcr betroffene Sch\u00fcler:innen, sei es im Klassenzimmer und sp\u00e4ter vielleicht auch im Zeugnis. K\u00f6nnen Sie den Unmut der Kinder und allenfalls ihrer Eltern verstehen?\u00a0 Woran liegt das? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ermira Ljutvija:<\/strong> Zus\u00e4tzlicher F\u00f6rderunterricht wird oft negativ interpretiert, das gilt nicht nur f\u00fcr DaZ-Unterricht, sondern auch f\u00fcr Logop\u00e4diestunden, Integrative F\u00f6rderung und anderes. Dabei handelt es sich bei F\u00f6rderlektionen, die spezialisiertes Lehrpersonal erfordern, um eine sehr zukunfts- und ressourcenorientierte Dienstleistung der Schulen, die sich leider nicht jede Gemeinde im gleichen Masse leisten will oder kann. Was das Stigma betrifft, haben Sie gleich selbst das perfekte Beispiel geliefert: Sie haben \u00abDaZ\u00bb-Kind gesagt. Weshalb sagen Sie nicht mehrsprachig? Sind Sie als Klassenlehrer ein \u00abDaZ\u00bb-Lehrer oder ein mehrsprachiger Lehrer? Ein \u00abDaZ\u00bb-Journalist?<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Aus diesem Blickwinkel habe ich den Begriff \u00abDaZ\u00bb noch nie betrachtet. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde ich mir eine Selbst- und Fremdbeschreibung w\u00fcnschen, die meine Mehrsprachigkeit als St\u00e4rke oder zus\u00e4tzliche Kompetenz darstellt und nicht mit einem impliziten Hinweis, dass meine Muttersprache nicht Deutsch ist. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ermira Ljutvija:<\/strong> Sehen Sie, ein Perspektivenwechsel bewirkt sehr vieles in der Wahrnehmung einer Person. Das beginnt bereits bei der Wortwahl. Dies gilt nat\u00fcrlich nicht nur in Bezug auf den Unterricht, aber f\u00fcr Lehrpersonen, f\u00fcr Studierende an P\u00e4dagogischen Hochschulen ist ein sensibler Umgang mit der Sprache von besonderer Bedeutung.\u00a0 Es heisst, Sprache formt unsere Wirklichkeit. Sie formt unsere soziale Wirklichkeit, unsere Vorurteile, unsere Erwartungshaltungen und somit auch unser Handeln. Wenn ich von Mehrsprachigkeit rede, dann denke ich von einer positiven Perspektive heraus: Mehrsprachigkeit ist eine Chance f\u00fcr Schule und Gesellschaft und kein Problem.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Das Schweizer Bildungssystem hat eine lange mehrsprachige Tradition, wie kommt es, dass man f\u00fcr fliessendes Franz\u00f6sisch oder Englisch auf dem Pausenhof Lob und Anerkennung von Lehrpersonen kriegt, hingegen bei Albanisch Kopfsch\u00fctteln oder wie zuletzt Schlagzeilen von sich h\u00f6ren machten: Sprachverbote? H\u00f6rt die Toleranz gegen\u00fcber der Sprachvielfalt bei Albanisch auf?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ermira Ljutvija:<\/strong> Naja, es kommt darauf an, aus welcher Intention heraus Sprachgebrauchsregeln aufgestellt werden. Eine Sprache zu verbieten, weil man Freude daran hat, Sprachen zu verbieten, ist nicht akzeptabel. Lehrpersonen jedoch haben die Aufgabe, all ihren Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern korrektes Deutsch beizubringen. Dazu geh\u00f6rt, w\u00e4hrend des Unterrichts Standarddeutsch zu sprechen, aber auch das Erlernen von Gespr\u00e4chskoventionen. Ist es in Ordnung, sich mit seinem Gsp\u00e4nli in einer Sprache zu unterhalten, wenn eine dritte Person neben uns steht, die uns nicht versteht? Das Problem beim Sprachgebrauch auf dem Pausenhof ist, dass sich bestimmte Erstprachen h\u00e4ufen k\u00f6nnen. Wir hatten an meinem fr\u00fcheren Arbeitsort eine Klasse mit 16 albanischsprachigen Kindern, nein, ich war nicht die Lehrerin. Die H\u00e4ufigkeit des Kontakts mit einer Sprache ist sehr relevant f\u00fcr deren Erwerb. Je nach Einzugsgebiet einer Schule und je nach privatem Umfeld des Kindes, kann sich dieser bei mangelndem Kontakt verz\u00f6gern. Ausserdem wird auf dem Pausenhof Mundart gesprochen. Die identit\u00e4tsstiftende Funktion von Dialekten sollte nicht verkannt werden. Trotzdem, f\u00fcr Verbote bin ich nicht, vielmehr sollte man sich um einen wertsch\u00e4tzenden Umgang bem\u00fchen. Gemeinsam mit den Kindern Sprachvergleiche herstellen, ist eine gute Methode, um alle in der Klasse gesprochenen Sprachen miteinzubeziehen, wobei man auch als Lehrperson einiges dazulernt.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Und zum Schluss noch eine pers\u00f6nliche Frage: \u00abErinnern Sie sich noch an Ihren ersten Satz auf Deutsch?\u00bb <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ermira Ljutvija:<\/strong> (Lacht). \u00abEine Kilo buk\u00eb, bitte!\u00bb Da war ich f\u00fcnf Jahre alt. Ich bin ohne Brot wieder nachhause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weshalb werden in Schulen Sprachverbote aufgestellt? Ist die Bezeichnung DaZ (Deutsch als Zweitsprache) stigmatisierend? Diese und weitere Fragen beantwortet uns Deutschdidaktikerin Ermira Ljutvija.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":620685,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1134,1141,1135,1136,3953,1133,1140],"tags":[1261,1633],"vendi":[],"content_country":[29888,31836,31837],"class_list":["post-620687","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-integration","category-themen","category-frauen","category-sprachen","category-intervista-de","category-e-diaspora-de","category-leben-in-der-schweiz","tag-interviste-de","tag-zvicer-de","content_country-zvicer","content_country-austria-de","content_country-germany-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/620687","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=620687"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/620687\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/620685"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=620687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=620687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=620687"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=620687"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=620687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}