{"id":597627,"date":"2022-10-21T12:00:59","date_gmt":"2022-10-21T10:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=597627"},"modified":"2024-07-28T01:10:31","modified_gmt":"2024-07-27T23:10:31","slug":"ein-boxhieb-gegen-stereotypisierung-von-schuelern-mit-fluchtgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/ein-boxhieb-gegen-stereotypisierung-von-schuelern-mit-fluchtgeschichte\/","title":{"rendered":"Ein Boxhieb gegen Vorurteile von Sch\u00fclern mit Fluchtgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Ohne praktisch ein Wort Deutsch zu k\u00f6nnen und mit einer Fluchtgeschichte im Rucksack des Lebens wurde der heutige 8-fache Schweizermeister im Boxen w\u00e4hrend der Jahrtausendwende in Z\u00fcrich eingeschult. Mit 5 Jahren geh\u00f6rte er damals zu einer von fast 50 000 Fl\u00fcchtlingen, die w\u00e4hrend der Balkankrise 1996-2000, in die Schweiz einwanderten. Mittlerweile hat Uk\u00eb Smajli einen VWL Masterabschluss der Uni Z\u00fcrich in der Tasche und ist f\u00fcr das global agierende Unternehmen EY (Ernst &amp; Young) als Senior Consultant t\u00e4tig. Im Interview mit albinfo.ch blicken wir auf eine steile Integrationskarriere zur\u00fcck und gehen der Frage nach, wie Schulerfolg trotz widrigen Umst\u00e4nden gelingen kann und was das Erfolgsrezept von Smajli mit den Klitschko Br\u00fcdern zu tun hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/uke-smajli-boks.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-597613\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/uke-smajli-boks.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"500\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Herr Smajli fassen Sie doch Ihre Karriere kurz zusammen und erz\u00e4hlen Sie uns, was Ihre Beweggr\u00fcnde f\u00fcr das Gymnasium und sp\u00e4ter das Boxen waren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uk\u00eb Smajli:<\/strong> Ich arbeite bei Ernst &amp; Young als Senior Consultant, mein Team und ich beraten Unternehmen aus dem Finanzsektor zu strategischen Fragen rund um das Thema Transformation. Davor habe ich im Asset Management gearbeitet, w\u00e4hrend ich meinen Master in Volkswirtschaftslehre an der Uni Z\u00fcrich absolviert habe.<br \/>\nF\u00fcr die Kanti habe ich mich bereits w\u00e4hrend der Berufswahl in der Oberstufe entschlossen. Als Teenager war mir der Zeitpunkt f\u00fcr die Berufswahl grundlegend zuwider, da ich mich noch nicht festlegen wollte, was ich sp\u00e4ter einmal arbeiten werde. Das wiederum motivierte mich weiter mit der Schule zu machen und \u00fcber die Kantonsschule zu einem Studium an der Uni zu gelangen. Durch eine Ausbildung auf der Terti\u00e4rstufe erhoffte ich mir eine breitere Berufsbildung und eine sichere Arbeit. Aber ich wollte auch aus Prinzip einen Hochschulabschluss, um sozial aufzusteigen. Doch viel wichtiger als die Frage, wieso ich angefangen habe, erachte ich die Frage, weshalb ich auf diesem Weg bestehen konnte. Einerseits erreichte ich durch eisernen Fleiss sehr gute Schulnoten anderseits war meine Neugier nach mehr Wissen beinahe unstillbar. Letzteres w\u00fcrde ich als Hauptmotor f\u00fcr meinen Schulerfolg bezeichnen.<\/p>\n<p>Die Faszination zum Boxen packte mich durch einen gew\u00f6hnlichen Fernsehabend, wo ich einen der Klitschtko-Br\u00fcder beim K\u00e4mpfen im Boxring zugeschaut habe. Das erste Mal selbst im Boxring stand ich 2011 w\u00e4hrend meines letzten Schuljahres in der Kantonsschule Z\u00fcrich Birch (Heute KZN). Durch meine Neugier getrieben, wollte ich unbedingt herausfinden, wie es sich anf\u00fchlt stark zu sein. Mit Boxen wollte ich etwas Neues ausprobieren und damals war mir noch nicht bewusst, dass ich nach 140 K\u00e4mpfen 8-facher Schweizermeister sein w\u00fcrde. Meine Sportleistungen erf\u00fcllen mich auch mit Stolz, denn ich durfte die Schweiz international auf dem Boxring vertreten, und zwar sowohl an der Europameisterschaft und sp\u00e4ter auch an Weltmeisterschaft in meiner Gewichtsklasse. Boxen auf internationalem Niveau blieb mir mit Fl\u00fcchtlingsstatus lange verwehrt, erst durch meine Einb\u00fcrgerung im Jahr 2013 waren K\u00e4mpfe f\u00fcr mich auch im Ausland m\u00f6glich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/uke-smajli-boks-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-597616\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/uke-smajli-boks-2.jpg\" alt=\"\" width=\"590\" height=\"395\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Erst mit 19 vollwertiger Mitb\u00fcrger in der Schweiz? Heisst dies auch, dass Sie die Sommerferien ausschliesslich in der Schweiz verbringen mussten, statt auch einmal in der Erstheimat? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uk\u00eb Smajli:<\/strong> Ja allerdings. Die Sommerferien als Teenager waren vergleichsweise hart und frustrierend. Denn in meinem Quartier wuchs ich nur mit einem Schweizer pro Klasse auf. Man kann sich einfach vorstellen, wie verlassen das Quartier im Sommer aussah. Aber andererseits haben mein Bruder und ich gelernt, wie wir uns stundenlang mit einem Frisbee unterhalten konnten.\u00a0 Damals w\u00fcnschte ich mir nichts lieber als auch wie meine Altersgenossen die Verwandten &#8220;unten&#8221; im Balkan zu besuchen und den Sommer zusammen mit ihnen zu verbringen. Doch Schulerfolg und Spitzenleistung im Sport gen\u00fcgten den Beh\u00f6rden nicht. Auf dem Papier war ich immer noch lediglich ein &#8220;vorl\u00e4ufig aufgenommener Asylbewerber&#8221;. Dieses Thema besch\u00e4ftigte mich sehr lange und pr\u00e4gte mein damaliges Bild von der Schweiz sehr negativ. Heute kann ich diese politischen Prozesse besser nachvollziehen, doch wie soll man einem Teenager erkl\u00e4ren, dass er nicht gleichberechtigt Ferien machen darf?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/uke-smajli-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-597619 size-full\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/uke-smajli-1.jpg\" alt=\"\" width=\"486\" height=\"467\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Machen wir doch Mal einen Punkt beim Begriff Schweiz-Kosovaren. Wie definieren Sie diesen Begriff gegenw\u00e4rtig?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uk\u00eb Smajli:<\/strong> Ich st\u00f6re mich aus mehreren Gr\u00fcnden ab diesem Begriff. Ethnisch habe ich sowohl eine albanische Abstammung und ich bin Schweizer B\u00fcrger. Das sind keine unvereinbaren Eigenschaften in unserer Zeit, es gibt ja auch Schweizer B\u00fcrger deren Eltern sowohl Albanischer als auch Schweizer Abstammung sind. Zweitens schafft dieser Ausdruck einen Abstand zwischen den Kulturen. Welche Person, die gerne Teil der Gesellschaft ist, m\u00f6chte immer wieder als etwas Fremdes wahrgenommen und entsprechend bezeichnet werden?<br \/>\nIch verstehe aber auch, dass es in der Natur des Menschen ist, eine Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft zu machen. Die krampfhaften Inklusionsbem\u00fchungen von diversen Seiten aus der Gesellschaft verdeutlichen dies. Ich f\u00fchle mich beiden L\u00e4ndern zugeh\u00f6rig, aber was ich mit Sicherheit sagen kann ist, dass Z\u00fcrich meine Heimat ist. Als Massstab f\u00fcr gesellschaftliche Integration z\u00e4hlt f\u00fcr mich nur die pers\u00f6nliche Leistung. Mache deinen Beitrag zur Gesellschaft und die Gesellschaft wird ein Teil von dir. Man muss es sich also verdienen und darauf vertrauen, dass die skeptische Wahrnehmung uns gegen\u00fcber langsam verschwindet. Die aktuelle \u00f6ffentliche Wahrnehmung der albanischsprachigen Diaspora in der Schweiz hat enorme Fortschritte erzielt. Ob in verschiedenen Berufsfeldern, im Sport oder auch in der Musik, wir sind schweizweit als viele positive B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger dieser Gesellschaft vertreten. Es ist alles immer auch eine Frage der Einstellung und Motivation. Doch f\u00fcr die \u00abSchweiz-KosovarenInnen\u00bb von morgen gibt es allen Grund zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Welchen Ratschlag w\u00fcrdest Du heute Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit Fluchtgeschichte f\u00fcr ihre bevorstehende Schullaufbahn geben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uk\u00eb Smajli:<\/strong> Ich w\u00fcrde ihnen sagen, dass sie unbedingt B\u00fccher lesen sollen. Die Beherrschung der Sprache erm\u00f6glicht es ihnen nicht nur ihre Bed\u00fcrfnisse besser zu kommunizieren, es schafft mehr N\u00e4he zum Gegen\u00fcber und es vermittelt sp\u00e4ter Professionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der zweite Punkt ist das Umfeld. Kinder aus bildungsfernen Familien m\u00fcssen dies unbedingt durch Kontakt zu Kindern anderen sozialen Schichten kompensieren.<\/p>\n<p>Mein dritter Ratschlag ist: Bleibt hungrig nach Wissen! Kinder, die (noch) nicht Deutsch sprechen, haben einen Wissensr\u00fcckstand gegen\u00fcber anderen Zeitgenossen und dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen sie einfach mehr Zeit f\u00fcr die Schule investieren, um auf den gleichen Wissensstand wie ihre Schulfreundinnen und Schulfreunde anzukommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview mit albinfo.ch blicken wir auf eine steile Integrationskarriere zur\u00fcck und gehen der Frage nach, wie Schulerfolg trotz widrigen Umst\u00e4nden gelingen kann und was das Erfolgsrezept von Smajli mit den Klitschko Br\u00fcdern zu tun hat<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":597744,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1134,1141,24670,1133,1140,1139],"tags":[1577],"vendi":[31858],"content_country":[29888,31836,31837],"class_list":["post-597627","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-integration","category-themen","category-martiale-sportarten","category-e-diaspora-de","category-leben-in-der-schweiz","category-sport","tag-ekonomi-de","vendi-zuerich","wiwcategory-ekonomi-fr","content_country-zvicer","content_country-austria-de","content_country-germany-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/597627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=597627"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/597627\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":757539,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/597627\/revisions\/757539"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/597744"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=597627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=597627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=597627"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=597627"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=597627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}