{"id":536549,"date":"2022-01-31T00:58:50","date_gmt":"2022-01-30T23:58:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=536549"},"modified":"2022-01-31T00:59:27","modified_gmt":"2022-01-30T23:59:27","slug":"omikron-bringt-gesundheitssystem-wohl-nicht-an-die-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/omikron-bringt-gesundheitssystem-wohl-nicht-an-die-grenzen\/","title":{"rendered":"Omikron bringt Gesundheitssystem wohl nicht an die Grenzen"},"content":{"rendered":"<div class=\"contentHead\"><strong>Scheinbar weniger gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Gesundheit als Delta, aber deutlich infekti\u00f6ser: Die Verbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus SARS-CoV-2 wirft die Frage auf, ob sie das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen bringen kann. Empa-Forschende haben dazu mit Partnern Szenarien f\u00fcr die Schweiz und Deutschland berechnet \u2013 und kommen zum Schluss, dass dies unwahrscheinlich ist. Einige Risiken bestehen dennoch.<\/strong><\/div>\n<div class=\"mod mod-nsbnewsdetails\">\n<p>Um die Gef\u00e4hrdung durch SARS-CoV-2 zu beurteilen, sind die Kapazit\u00e4ten des Gesundheitssystems ein entscheidendes Kriterium: Werden Spit\u00e4ler gen\u00fcgend viele erkrankte Menschen aufnehmen und behandeln k\u00f6nnen? Sowohl auf gew\u00f6hnlichen Stationen als auch auf Intensivstationen? In Grossbritannien und anderen L\u00e4ndern scheint die Entkopplung von Fallzahlen und Spitaleinweisungen Grund zu Optimismus zu geben \u2013 doch gilt das auch f\u00fcr die Schweiz oder Deutschland, in denen der Anteil an geimpften oder genesenen Personen niedriger ist?<\/p>\n<p>Um diese Frage zu beantworten, haben Forschende der Empa-Abteilung \u00abMultiscale Studies in Building Physics\u00bb mit Fachleuten vom Institut f\u00fcr Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie der Philipps-Universit\u00e4t Marburg und des Kantons Graub\u00fcnden aufw\u00e4ndige Szenarien entwickelt \u2013 f\u00fcr den Zeitraum vom 17. Januar bis Ende M\u00e4rz. Die St\u00e4rke dieses Modells besteht darin, dass viele Variablen auf der Basis von aktuellen Daten eingeflossen sind: Alter, Impfstatus, Booster-Status, Reproduktionszahl. Um die Resultate schnell verf\u00fcgbar zu machen, wurden sie bereits online publiziert\u00a0\u2013 vor dem \u00fcblichen Peer-Review-Prozess, erkl\u00e4rt der verantwortliche Forscher Hossein Gorji, \u00abso wie das in solchen F\u00e4llen bei COVID-Forschung \u00fcblich ist\u00bb. Die Resultate, die nach der fachlichen Begutachtung auch in einer Fachzeitschrift publiziert werden sollen, deuten darauf hin, dass die Omikron-Variante keine Rekordzahlen bei den Aufnahmen in Intensivstationen verursachen d\u00fcrfte \u2013 weder in Deutschland noch in der Schweiz; selbst unter ung\u00fcnstigen Bedingungen.<\/p>\n<p><b>Drei Szenarien \u2013 f\u00fcr alle F\u00e4lle<\/b>Um unterschiedliche Gefahrenlagen zu erfassen, betrachteten die Fachleute drei Szenarien mit effektiven Reproduktionszahlen, die angeben, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Sie rechneten mit 1,3, was ungef\u00e4hr der aktuellen Situation entspricht; ausserdem mit 1,5 und 1,8, also dem ung\u00fcnstigsten Fall. Dabei traten auch Unterschiede zwischen den beiden L\u00e4ndern zutage: In Deutschland zeigte das \u00abWorst Case\u00bb-Szenario eine um fast 20 Prozent h\u00f6here Fallzahl pro 100&#8217;000 Einwohner. Ein Grund daf\u00fcr ist die unterschiedliche \u00abKontakte-Struktur\u00bb zwischen den verschiedenen Altersgruppen in der Schweiz, die daf\u00fcr sorgt, dass die Infektionswelle bereits ab einem niedrigeren Spitzenwert an Fallzahlen wieder abflacht.<\/p>\n<p>Neben solchen Einfl\u00fcssen modellierten die Forscher auch Unterschiede bei der medizinischen Vorbeugung gegen die Omikron-Variante: W\u00e4hrend die Impfrate in Deutschland etwas h\u00f6her ist, gingen sie f\u00fcr die Schweiz wegen l\u00e4ngerer Wirksamkeit des Impfstoff-Mixes von einem h\u00f6heren Schutz aus. Dennoch bleiben Unsicherheiten \u2013 allein schon, weil die exakte Gefahr durch die Omikron-Variante, darunter auch langfristige Folgen bei schweren F\u00e4llen, sowie die Wirksamkeit von Impfstoffen und das Abklingen des Schutzes noch nicht genau erforscht sind.<\/p>\n<p>Angesichts offener Fragen und notwendiger Annahmen, die in der Studie im Detail erl\u00e4utert werden, betonen die Verfasser, dass die Resultate nicht als Prognosen, sondern als plausible Szenarien zu verstehen sind. Gegenrechnungen und eine \u00abSensitivit\u00e4tsanalyse\u00bb (siehe Infobox) haben aber gezeigt, so Empa-Forscher Gorji, dass sie robust sind und die Szenarien zutreffen. Zudem stehen sie im Einklang mit der Entkopplung von Fallzahlen und Hospitalisierungen, wie sie in Grossbritannien und S\u00fcdafrika beobachtet wurde.<\/p>\n<p><b>Vorsichtiger Optimismus<\/b>Die Belegung von Intensivstationen in der Schweiz und Deutschland durch Omikron-Patienten d\u00fcrfte also kaum kritische Werte erreichen, solange die effektive Reproduktionszahl unter 2 bleibt. \u00abUnsere Ergebnisse sind zwar vorsichtig optimistisch\u00bb, sagt Gorji, \u00absie sollten aber mit Vorsicht interpretiert werden.\u00bb Auch in Zukunft sollten n\u00f6tigenfalls soziale Kontakte etwas reduziert werden, so der Forscher; ausserdem seien wahrscheinlich weitere Massnahmen n\u00f6tig. Und um die Entkopplung zwischen Fallzahlen und Krankenhausaufenthalten zu unterst\u00fctzen, sei es notwendig, die Immunit\u00e4t in der Bev\u00f6lkerung zu verbessern.<\/p>\n<p>\u00abAll unsere Szenarien gehen implizit davon aus, dass in den n\u00e4chsten Wochen weiterhin Massnahmen aufrecht erhalten bzw. ergriffen werden, um die Verbreitung des Virus einzud\u00e4mmen\u00bb, betont auch Empa-Abteilungsleiter Ivan Lunati. Und weil der Impfschutz mit der Zeit nachlasse, gelten die Prognosen nur zum jetzigen Zeitpunkt \u2013 mit den aktuellen Impfstoff-Verwendungen und den seit den Impfungen verstrichenen Zeitr\u00e4umen in beiden L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Zudem sind andere Probleme im Gesundheitswesen nicht auszuschliessen: Allein die schiere Zahl an Infektionen, so Hossein Gorji, k\u00f6nnte zu personellen Engp\u00e4ssen f\u00fchren und auch die Kapazit\u00e4ten bei COVID-Diagnosen beschr\u00e4nken. Beispiel Deutschland: Einen H\u00f6hepunkt bei der Zahl der Infizierten erwartet der beteiligte Forscher Harald Renz von der Philipps-Universit\u00e4t Marburg laut den Modellen f\u00fcr etwa Ende Februar bis Mitte M\u00e4rz. In der Schweiz k\u00f6nnte es schon etwas fr\u00fcher dazu kommen. Zu rechnen ist dann \u2013 wie auch schon andernorts modelliert \u2013 mit einem raschen und hohen Anstieg an Infektionszahlen. Davon wird die Breite der Gesamtbev\u00f6lkerung betroffen sein, also auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen.<\/p>\n<p><b>Neue Qualit\u00e4t der Pandamie<\/b>\u00abWir werden auf den Normalstationen mit leichter Verz\u00f6gerung einen deutlichen Anstieg an Patienten mit COVID-19 sehen, wenn die Reproduktionszahl auf \u00fcber 1,5 ansteigt\u00bb, f\u00fchrt Renz aus. \u00abAber nicht nur Patienten, die prim\u00e4r wegen COVID-19 ins Krankenhaus kommen (mittelschwere F\u00e4lle), sondern auch Patienten, die mit anderen Erkrankungen behandelt werden m\u00fcssen, aber zus\u00e4tzlich noch infiziert sind\u00bb, legt der Mediziner dar. \u00abDies ist eine neue Qualit\u00e4t der Pandemie; das hatten wir bisher so noch nicht. Im Gegensatz dazu erwarten wir keine signifikanten Mehrbelastungen bei den Intensivpatienten \u00fcber die Bettenauslastung hinaus, die wir gegenw\u00e4rtig schon haben.\u00bb<\/p>\n<p>Diese Effekte liegen vor allem daran, dass insbesondere Personen mit drei Impfungen relativ gut vor schweren Verl\u00e4ufen mit Omikron gesch\u00fctzt sind. Hinzu kommt die hohe Infektiosit\u00e4t des Virus, verbunden mit einer deutlich geringeren Krankheitsschwere. \u00ab\u00c4hnlich schnell, wie die Welle ihren Gipfel erreicht, wird sie auch wieder abschwellen, mit Ausnahme einer gewissen Prolongation bei den Intensivpatienten\u00bb, sagt Renz. Nat\u00fcrlich k\u00f6nne es regionale Unterschiede geben, f\u00fcgt er hinzu: \u00abDieses globale L\u00e4nder-Szenario schliesst nicht aus, dass es Ausreiser nach oben und nach unten geben kann und damit auch regionale \u00dcberlastungen.\u00bb<\/p>\n<p>Wie wird sich die Omikron-Welle nach dem betrachteten Zeitraum auf das Gesundheitswesen auswirken? Das wird stark von der Omikron-Delta-Kreuzimmunit\u00e4t bestimmt, die noch unbekannt ist. Die Fachleute denken, dass ihre Modelle auch in fernerer Zukunft dazu beitragen k\u00f6nnen, die Massnahmen zur Bek\u00e4mpfung der Pandemie zu untersuchen und zu verfeinern. Aus den Analysen der gesamten Bev\u00f6lkerung in beiden L\u00e4ndern schliesst Ivan Lunati ausserdem, dass sich Massnahmen st\u00e4rker auch an individuellen Merkmalen orientieren sollten, wenn das vorrangige Ziel ist, eine \u00dcberlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden: \u00abIch denke, es ist an der Zeit, Strategien eigens f\u00fcr unterschiedliche Risikogruppen umzusetzen.\u00bb<\/p>\n<p><b>Details zur Studie<\/b>Um die Projektionen zu berechnen, verwendeten die Forschenden ein so genanntes \u00abKompartiment-Modell\u00bb. Damit wird die Entwicklung anhand von Populationen von \u00abempf\u00e4nglichen\u00bb Personen, Infizierten, station\u00e4r Behandelten und Patienten auf Intensivstationen modelliert. Zudem unterschied das Modell zwischen Geimpften, Ungeimpften, k\u00fcrzlich Genesenen und weiteren Kriterien. Um zu \u00fcberpr\u00fcfen, wie robust die Resultate sind, rechneten die Fachleute weitere Szenarien durch \u2013 von g\u00fcnstig bis pessimistisch. Dar\u00fcber hinaus kontrollierten sie den wichtigen Einfluss der Zahl der Kontakte zwischen unterschiedlichen Altersgruppen der Bev\u00f6lkerung, indem sie die deutschen und schweizerischen Daten probehalber vertauschten. Diese \u00abSensitivit\u00e4ts-Analysen\u00bb zur Studie untermauerten, dass es in beiden L\u00e4ndern unwahrscheinlich ist, dass die aktuelle Omikron-Welle eine Bedrohung f\u00fcr die medizinische Versorgung speziell durch Intensivstationen wird. Die Studie wurde als Teilprojekt des bundesweiten Forschungsnetzwerks \u00abAngewandte Surveillance und Testung\u00bb f\u00fcr das vom deutschen Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) gef\u00f6rderte Verbundprojekt \u00abNationales Forschungsnetzwerk der Universit\u00e4tsmedizin zu COVID-19\u00bb realisiert (BMBF \u2013 FKZ 01KX2021).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus SARS-CoV-2 wirft die Frage auf, ob sie das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen bringen kann<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":536283,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22520,24006,1140],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[29888,31836,31837],"class_list":["post-536549","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-coronavirus-minute-fuer-minute","category-lajme-jeta-ne-zvicer-de","category-leben-in-der-schweiz","content_country-zvicer","content_country-austria-de","content_country-germany-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/536549","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=536549"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/536549\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/536283"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=536549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=536549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=536549"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=536549"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=536549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}