{"id":488811,"date":"2021-07-23T11:15:40","date_gmt":"2021-07-23T09:15:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=488811"},"modified":"2021-07-23T10:57:36","modified_gmt":"2021-07-23T08:57:36","slug":"festrede-150-jahre-erstbesteigung-matterhorn-durch-eine-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/festrede-150-jahre-erstbesteigung-matterhorn-durch-eine-frau\/","title":{"rendered":"Festrede \u00ab150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn durch eine Frau\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"contentHead\"><strong>Festrede von Bundesr\u00e4tin Viola Amherd, Chefin des Eidgen\u00f6ssischen Departements f\u00fcr Verteidigung, Bev\u00f6lkerungsschutz und Sport (VBS), anl\u00e4sslich des 150-Jahre-Jubil\u00e4ums der Erstbesteigung des Matterhorns durch eine Frau, Zermatt, Donnerstag, 22. Juli.<\/strong><\/div>\n<div class=\"mod mod-nsbnewsdetails\">\n<p><u>Es gilt das gesprochene Wort<\/u><\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Pr\u00e4sidentin<br \/>\nLiebe Zermatterinnen und Zermatter<br \/>\nLiebe G\u00e4ste<\/p>\n<p>Ich bin gerne nach Zermatt gekommen, um mit Ihnen \u00ab150 Jahre Matterhorn-Erstbesteigung durch eine Frau\u00bb zu feiern und danke Ihnen f\u00fcr die Einladung.<\/p>\n<p>Jedes Mal fasziniert mich der Anblick des Matterhorns aufs Neue. Seine Form ist einzigartig und beeindruckend.<\/p>\n<p>Z\u2019Horu zog und zieht Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus allen L\u00e4ndern an. Einmal oben zu stehen, den Aufstieg geschafft zu haben und dann auch heil wieder unten anzukommen, m\u00fcssen unvergessliche Momente sein!<\/p>\n<p>Nur sechs Jahre nach der Erstbesteigung des Matterhorns durch Edward Whymper bezwang am 22. Juli 1871 die erste Frau, Lucy Walker, z\u2019Horu.<\/p>\n<p>Wollten Frauen Berge besteigen, Sport betreiben oder in der Politik mitreden, mussten sie mit Vorurteilen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>\u00c4rzte und sogenannte Fachleute behaupteten zum Beispiel, der \u00abzarte weibliche K\u00f6rper\u00bb werde h\u00e4sslich und un\u00e4sthetisch. Bergsteigerinnen wurden als \u00abMannweib\u00bb, \u00abwildes Bergweib\u00bb und \u00abungepflegte Zottelhexe mit nachl\u00e4ssiger Gewandung\u00bb beschrieben.<\/p>\n<p>Auch der Frauensport galt vor rund 100 Jahren als unsittlich und verp\u00f6nt.<\/p>\n<p>Eine amerikanische \u00c4rztin sagte damals, Frauen bek\u00e4men durch ihre T\u00e4tigkeiten im Haushalt ausreichend k\u00f6rperliche Bewegung\u2026<\/p>\n<p>Und die Argumente gegen die Einf\u00fchrung des Stimm- und Wahlrechts f\u00fcr Frauen vor 50 Jahren: Frauen, die politisieren, verlieren ihre Weiblichkeit oder, Politik sei zu schmutzig f\u00fcr die Frau. Sie k\u00f6nne ihre Meinung indirekt \u00fcber ihren Mann einbringen\u2026 Frage: Was macht der Mann dann mit seiner Meinung?<\/p>\n<p>Bergsteigerinnen, Sportlerinnen und Politikerinnen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich durchgesetzt. Sie erbringen grossartige Leistungen und \u00fcbernehmen Verantwortung.<\/p>\n<p>Wie sagt es doch Julie Deane, Gr\u00fcnderin und CEO der Cambridge Satchel Company: \u00abEs ist gut zu wissen, dass Du eigentlich alles machen kannst. Du musst nur damit anfangen.\u00bb<\/p>\n<p>Lucy Walker hat angefangen. Sie litt an Rheuma und konnte kaum gehen.<\/p>\n<p>Ein Arzt riet dann: \u00abMiss Walker has to walk!\u00bb<\/p>\n<p>Lucy Walker war, gem\u00e4ss einem Bericht im Deutschlandfunk, 22 Jahre alt, als sie erstmals Vater und Bruder in die Alpen begleitete. Zuerst wanderte sie, w\u00e4hrend die M\u00e4nner auf die Berge stiegen. Vom Ehrgeiz gepackt, begann sie ebenfalls zu klettern und war nicht mehr zu bremsen.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u00abAuf den Spuren grosser Alpinisten\u00bb schreibt Ed Douglas: \u00abSie unternahm 98 Expeditionen, nur drei misslangen. Oft war sie die erste Frau auf dem Gipfel. Sie schaffte die Erstbesteigung des Balmhorns und die vierte des Eigers, Letztere mithilfe von Champagner und Biskuittorte gegen ihre chronische H\u00f6henkrankheit.\u00bb<\/p>\n<p>In streng viktorianischer Garderobe bestieg sie vor 150 Jahren das Matterhorn. Sie trug dabei einen bodenlangen Rock, da das Tragen von Hosen den Frauen verboten war.<\/p>\n<p>Anstatt die grossartige Leistung von Lucy Walker anzuerkennen, reagierte die \u00d6ffentlichkeit emp\u00f6rt.<\/p>\n<p>In Begleitung fremder M\u00e4nner, der Bergf\u00fchrer, gef\u00e4hrliche Gipfel zu erklimmen, geziemte sich nicht f\u00fcr eine Frau. Lucy Walker katapultierte sich ins gesellschaftliche Abseits.<\/p>\n<p>Es ist deshalb kein Zufall, dass es weder von Lucy Walker noch von anderen fr\u00fchen Bergsteigerinnen eigene Tourenberichte gibt.<\/p>\n<p>In ihrem Buch \u00abErste am Seil\u00bb schreibt Caroline Fink: \u00abEinerseits f\u00fcrchteten sie um ihren Ruf als Damen, andererseits verweigerten Zeitschriften Publikationen von Frauen.\u00bb<\/p>\n<p>Wie sieht es denn heute aus mit der Berichterstattung \u00fcber Bergsteigerinnen, Sportlerinnen und Politikerinnen? Erhalten sie gleich viel Platz in den Medien wie ihre Kollegen?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde die Frage so beantworten: Es gibt noch viel Luft nach oben!<\/p>\n<p>Ich freue mich, dass Zermatt die Matterhorn-Erstbesteigung durch eine Frau geb\u00fchrend feiert. Lucy Walker und ihre Kolleginnen haben damals Grossartiges geleistet und verdienen unseren Respekt.<\/p>\n<p>Sie haben sich nicht von gesellschaftlichen Konventionen abhalten lassen. Sie gingen mutig ihren Weg \u2013 ganz nach einem Zitat von Ella Fitzgerald: \u00abLass dich nicht davon abbringen, was du unbedingt tun willst. Wenn Liebe und Inspiration vorhanden sind, kann nichts schiefgehen.\u00bb<\/p>\n<p>Ich finde es grossartig, dass das Matterhorn Museum die Erstbesteigung durch Lucy Walker und das 50-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz aufnimmt und sich mit der Rolle der Frauen in der Zermatter Geschichte und Gegenwart befasst.<\/p>\n<p>Vieles hat sich in den vergangenen 150 beziehungsweise 50 Jahren ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Immer mehr Frauen besteigen Berge, sind Bergf\u00fchrerinnen und seit November 2020 pr\u00e4sidiert Rita Christen als erste Frau den Schweizer Bergf\u00fchrerverband!<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss der neuesten Studie des Bundesamtes f\u00fcr Sport, dem Baspo, treiben erstmals gleich viele Frauen Sport wie M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr wurde die Bewegung \u00abHelvetia rennt\u00bb gegr\u00fcndet, mit dem Ziel, dass Schweizerinnen auf allen Stufen im Schweizer Sport mitreden und mitbestimmen sollen.<\/p>\n<p>Seit 1971 wurde auch in der Gleichstellungspolitik und bei der Frauenvertretung in politischen \u00c4mtern einiges erreicht.<\/p>\n<p>Der Frauenanteil im Nationalrat betr\u00e4gt nach den Wahlen 2019 42 Prozent und im St\u00e4nderat 26.1 Prozent.<\/p>\n<p>Gemeindepr\u00e4sidentinnen, Gemeinder\u00e4tinnen und Grossr\u00e4tinnen sind keine Seltenheit mehr.<\/p>\n<p>Zermatt ist ein gutes Beispiel: Vier Frauen im siebenk\u00f6pfigen Gemeinderat: Gemeindepr\u00e4sidentin, Vizepr\u00e4sidentin und zwei Gemeinder\u00e4tinnen. Dazu haben Sie eine Grossr\u00e4tin und eine Suppleantin!<\/p>\n<p>Und, auch im Bundesrat sitzen drei Frauen.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass f\u00fcr die Wirtschaft, den Sport, die Politik und auch f\u00fcr die Armee das Gleiche gilt: Gemischte Teams sind erfolgreicher!<\/p>\n<p>In Zermatt gibt es auch daf\u00fcr zahlreiche Beispiele: Was w\u00e4ren Hotels, Gesch\u00e4fte und Bauernbetriebe ohne das Engagement der Frauen. Sie f\u00fchren seit Jahren erfolgreich Betriebe, zusammen mit ihren Partnern.<\/p>\n<p>Gehen wir die Herausforderungen gemeinsam an, engagiert, mutig und lustvoll!<\/p>\n<p>Ich schliesse mit einem Zitat von Astrid Lindgren gesagt: \u00abLass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!\u00bb<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen eine eindr\u00fcckliche Feier, einen interessanten Rundgang im Museum und bereichernde Begegnungen und Gespr\u00e4che!<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur sechs Jahre nach der Erstbesteigung des Matterhorns durch Edward Whymper bezwang am 22. 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