{"id":397544,"date":"2020-08-02T08:44:37","date_gmt":"2020-08-02T06:44:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=397544"},"modified":"2020-08-02T08:44:37","modified_gmt":"2020-08-02T06:44:37","slug":"rede-von-bundesrat-alain-berset-zum-1-august","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/rede-von-bundesrat-alain-berset-zum-1-august\/","title":{"rendered":"Rede von Bundesrat Alain Berset zum 1. August"},"content":{"rendered":"<p>Das ist kein gew\u00f6hnliches Jahr \u2013 und das kann auch kein gew\u00f6hnlicher 1. August sein. Noch ist die Krise nicht \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Nachdem die Covid-Ansteckungen lange auf niedrigem Niveau blieben, steigen sie seit Mitte Juni. In den letzten Tagen deutlich. Kantone berichten von \u00abHotspots\u00bb, die sie zu bew\u00e4ltigen haben. Der Anstieg ist nicht unerwartet, weil sich die Menschen mehr bewegen, mehr reisen und sich auch mehr im Ausland aufhalten. Wir alle m\u00fcssen nun gemeinsam den Aufw\u00e4rtstrend entschieden bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der Bundesrat verfolgt die Lage von nah und ist im Gespr\u00e4ch mit den Kantonen. Diese nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Einige Kantone haben bereits zus\u00e4tzliche Massnahmen ergriffen, wie etwa der Kanton Tessin. Er begrenzt beispielsweise die Anzahl G\u00e4ste in Lokalen auf 100. Genf hat sogar alle Clubs geschlossen. Es gilt, die Anzahl Ansteckungen wieder zu senken, die Infektionsketten zu brechen. Wir kennen die Abstands- und Hygieneregeln, die wirksam und wichtig sind. In den Ferien, bei der Arbeit, im \u00f6ffentlichen Verkehr, in den Restaurants. \u00dcberall. So sch\u00fctzen wir uns alle.<\/p>\n<p>Das Virus ist noch da. Das ist kein gew\u00f6hnlicher Sommer: Es ist eine Zeit des Abwartens, des Hoffens und des Bangens. Der Sehnsucht nach Normalit\u00e4t und der Ern\u00fcchterung, denn wir blicken auf die globale Lage und wissen, es k\u00f6nnte noch l\u00e4nger dauern. Wir sehnen uns nach dem alten Leben, aber wir sp\u00fcren, es hat sich etwas ver\u00e4ndert. F\u00fcr jeden und jeden und f\u00fcr die Gesellschaft. Aber wie wird sich unser Leben, unser Alltag, unsere wirtschaftliche Situation ver\u00e4ndern? Wir wissen es nicht.<\/p>\n<p>Dieses Jahr erinnert uns \u2013 auf drastische Weise \u2013 daran: Wir sind nicht immer die verschonte Nation, als die wir uns h\u00e4ufig begreifen. Und die wir tats\u00e4chlich auch h\u00e4ufig waren. Neutralit\u00e4t, Gl\u00fcck, strategisches Geschick: Sie haben uns sogar die schreckliche erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts gut \u00fcberstehen lassen. Das Virus ist nat\u00fcrlich nicht vergleichbar mit den Weltkriegen. Aber es greift stark in unsere Leben ein. Und es verbreitet grosse Unsicherheit.<\/p>\n<p>Vielleicht ist diese Unsicherheit f\u00fcr uns Schweizer besonders schwer auszuhalten. Denn wir sind eine Insel der Stabilit\u00e4t mitten auf einem historisch unruhigen Kontinent. Wir sind mitten in Europa \u2013 nicht nur geographisch, sondern auch kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Und damit auch virologisch. Wir sind auch mitten drin im Prozess der Globalisierung. Ja, wir sind sogar eines der am st\u00e4rksten globalisierten L\u00e4nder der Welt. Mit starken Exportfirmen. Mit der h\u00f6chsten Dichte an multinationalen Unternehmen. So viel Weltoffenheit und gleichzeitig so starke regionale und lokale Identit\u00e4ten: Das erzeugt immer wieder politische Spannungen.<\/p>\n<p>Die internationale Verflechtung hat viele Vorteile f\u00fcr unser Land. Von der gegenseitigen kulturellen Befruchtung bis zu grossen Wohlstandsgewinnen.Aber diese Verflechtung birgt eben auch Risiken. Ich bin \u00fcberzeugt: Wir sind pragmatisch genug, um das gegeneinander abzuw\u00e4gen \u2013 und nicht in Abwehrreaktionen zu verfallen. Und uns wirtschaftlich noch zus\u00e4tzlich zu schw\u00e4chen in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten, die auch uns bevorstehen.<\/p>\n<p>Diese Krise f\u00fchrt uns vor Augen, wie fragil unsere Gesellschaften sind. Aber wir beweisen auch, dass wir z\u00e4h sind. Dass wir wissen, wann es Zeit ist, unsere Differenzen ruhen zu lassen und gemeinsam die Herausforderung anzupacken. Wir waren und sind f\u00fcreinander da: Besonders das Tessin hat eindr\u00fccklich bewiesen, welch enge und solidarische Gemeinschaft es ist. Die Coronakrise ist die Stunde des Mitgef\u00fchls mit den Schw\u00e4cheren, die Stunde des Anpackens und der Verantwortung f\u00fcr die anderen.<\/p>\n<p>Ich habe in den letzten Wochen viele Briefe erhalten von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern. Zum Beispiel einer 95-j\u00e4hrigen Frau aus dem Kanton Basel-Land, die in einem Altersheim lebt. Sie schreibt: \u201eWir sind wunderbar umgeben von den Hilfskr\u00e4ften\u201c, also von den Pflegerinnen und Pflegern. Und sie dankt allen, die sie unterst\u00fctzen und die sie sch\u00fctzen vor dem gef\u00e4hrlichen Virus. Auch ein elfj\u00e4hriger Bub hat mir geschrieben, ein F\u00fcnftkl\u00e4ssler aus dem Kanton St.\u00a0Gallen. Er hat mir geschrieben: \u201eIch m\u00f6chte mich bedanken, dass Sie die Schulen geschlossen haben und die L\u00e4den und vieles mehr.\u201c<\/p>\n<p>Es war die Stunde des gelebten Engagements \u2013 besonders in den Spit\u00e4lern und Altersheimen, wo Grosses geleistet wurde. wie auch in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft und der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Noch etwas haben wir bewiesen: Der Zusammenhalt der Landesteile ist stark. Von der ersten Coronawelle war das Tessin st\u00e4rker betroffen als die Deutschschweiz. Die Grenzregionen \u2013 insbesondere das Tessin, aber auch die Waadt und Genf bekamen von nahe mit, wie schlimm die Situation in Spit\u00e4lern und Altersheimen in den Nachbarl\u00e4ndern teilweise war.<\/p>\n<p>Ich habe im M\u00e4rz und April zahlreiche Mails aus dem Tessin erhalten von Menschen, die in grosser Sorge waren: \u201eChiudete tutto\u201c, forderten viele. Tessiner Exponenten forderten denn auch h\u00e4rtere Massnahmen, w\u00e4hrend viele Stimmen in der Deutschschweiz schon fr\u00fch f\u00fcr Lockerungen pl\u00e4dierten. Der Bundesrat bem\u00fchte sich in dieser spannungsreichen Situation, L\u00f6sungen zu finden, die den kantonalen Gegebenheiten gerecht wurden, ohne jedoch die nationale Strategie zu unterlaufen. Damals und jetzt versucht er die Balance zu finden zwischen Schutz der Gesundheit und \u00d6ffnen der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Der Bundesrat ist sich bewusst, dass die Coronapandemie f\u00fcr viele Menschen und Betriebe im Land eine existentielle Krise bedeutet. Die ganze Schweiz hat bewiesen, dass wir einander helfen, wenn es n\u00f6tig ist. Und es war und ist n\u00f6tig. Wir helfen einander, wenn es darum geht, diese Gesundheitskrise zu \u00fcberwinden. Egal, wie lange es dauert. Wir helfen einander, wenn es darum geht, die kommende Rezession m\u00f6glichst gut zu \u00fcberstehen. Egal, wie schwer diese sein wird. Egal, wie unterschiedlich wir betroffen waren und betroffen sind von diesem Virus. Wir geh\u00f6ren zusammen. Egal, wie unterschiedlich wir die Welt sehen und beurteilen.<\/p>\n<p>Wie gesagt: Ich habe in den letzten Wochen zahlreiche Briefe erhalten. Auch ein 15-j\u00e4hriger Junge hat mir geschrieben. Seine Eltern stammen aus Indien und Sri Lanka. Er will eine Lehre absolvieren und f\u00fchlt sich sehr wohl hier. \u201eEs gibt aber auch Rassismus in der Schweiz\u201c, schreibt er.\u00a0Oft meinen \u2013 oder hoffen \u2013 wir, wir h\u00e4tten als Gesellschaft Fremdenfeindlichkeit und erst recht Rassismus l\u00e4ngst hinter uns gelassen. Aber dem ist leider nicht so. Wir d\u00fcrfen Rassismus und Diskriminierung nicht tolerieren. Nicht im Arbeitsmarkt, nicht beim Wohnen. Nicht im \u00f6ffentlichen Raum. Nirgends. Wir m\u00fcssen Haltung beweisen, widersprechen, dagegenhalten. Und Strukturen schaffen, die niemanden diskriminieren.<\/p>\n<p>Wir wissen es: Am 1. August wird der nationale Zusammenhalt beschworen. Das ist Tradition, das ist ein Ritual \u2013 und manchmal k\u00f6nnen wir uns des Verdachts nicht ganz erwehren, dass einiges auch sch\u00f6ngeredet wird. Sagen wir es so: Am ersten August werden manchmal Gr\u00e4ben rhetorisch problemlos \u00fcberwunden, die sich im Alltag dann doch als etwas breiter erweisen. Nicht in diesem Jahr: Wenn die Lage ernst ist, r\u00fccken wir als Gesellschaft zusammen. Indem wir Verantwortung f\u00fcr das eigene Handeln \u00fcbernommen haben, haben wir Verantwortung f\u00fcr die anderen \u00fcbernommen. Unsere Solidarit\u00e4t ist echt.<\/p>\n<p>Das ist kein Jahr wie jedes andere: Deshalb w\u00fcnsche ich allen einen besonders sch\u00f6nen 1. August!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bellinzona,\u00a001.08.2020\u00a0&#8211;\u00a0Rede von Bundesrat Alain Berset zum 1. August. 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