{"id":117051,"date":"2016-06-16T13:45:47","date_gmt":"2016-06-16T11:45:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/de\/?p=117051"},"modified":"2016-06-16T13:46:21","modified_gmt":"2016-06-16T11:46:21","slug":"schweiz-albanien-trotz-der-niederlage-wurde-gemeinsam-gefeiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/schweiz-albanien-trotz-der-niederlage-wurde-gemeinsam-gefeiert\/","title":{"rendered":"Schweiz-Albanien: Trotz der Niederlage wurde gemeinsam gefeiert"},"content":{"rendered":"<p>Samstagmorgen: Das Aufstehen fiel weder mir noch meinem Sohn leicht. Der sakrosankte Schlaf eines Samstagmorgens ist ein grosses Opfer, um von Lausanne nach Genf zu fahren und dann in den TGV zu springen, um beim heiss erwarteten Fussballspiel zwischen der Nati und Albanien in Lens dabei zu sein. Ich will nicht vergessen zu erw\u00e4hnen, dass mein guter Sohn am Abend zuvor sorgf\u00e4ltig sein Leibchen der Komb\u00ebtare [alb. <em>komb<\/em>: nation, <em>Komb\u00ebtare<\/em>: Nationalmannschaft; Anm. der Red.] bereit gelegt hatte \u2013 das ich ihm, um ihm eine Freude zu machen, sp\u00e4t in der Nacht noch b\u00fcgelte \u2013 assortiert vom Schal, den er von seiner Tante zum Geburtstag bekommen hatte; und nicht zu vergessen die grosse schwarzrote doppelk\u00f6pfige Fahne, in die er sich buchst\u00e4blich einwickelte. Kurz, die komplette Ausr\u00fcstung! So bewegte er sich stolz in den Bahnhofshallen von Lausanne und Genf. Da er sehr grossgewachsen ist, war er nicht zu \u00fcbersehen auf den Perrons. Und entging nicht den kroatischen Fans, die ihm empathisch \u201eHopp Schweiz\u201c zuriefen. Er antwortete mit einem strahlenden L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Endlich sitzen wir im TGV nach Paris Gare de Lyon. Vor uns befanden sich vier Genfer, schr\u00e4ge Typen, Kumpels, angefressene Fans der Nati, die schon um 6 Uhr 30 in der Fr\u00fch ihre Bierflaschen \u00f6ffneten.<\/p>\n<p>Zuvor hatte einer von ihnen, mit dem R\u00fccken zu mir, in einer Morgenzeitung gelesen. Und der Zufall wollte es, dass sein Blick auf eine Seite fiel, auf welcher eine grosse Foto von mir war, gefolgt von einem Interview mit dem Titel: \u201eDas Gewicht der Wurzeln der Herkunft schwindet\u201c. Pl\u00f6tzlich Stress: Wenn er mir nun beim Lesen meine \u00c4usserungen \u00fcbel nehmen w\u00fcrde? Aber nein, im Gegenteil, er und seine Freunde teilten meine \u00dcberzeugung, dass die Diskussionen \u00fcber den Balkangraben der Nati absurd und \u00fcberfl\u00fcssig sind. Uff, wir wurden Freunde. Und nun waren wir Gef\u00e4hrten auf einer Pilgerreise nach Lens, die kompliziert war bzw. ungewiss, wegen der vielen Streiks in den gallischen Landen.<\/p>\n<p>Als wir aus dem Zug ausstiegen, bekamen wir die ganze Pracht zu sehen: Ganz Lens feierte in Rot, Schwarz und Weiss. Ich konnte meine Freude beim Anblick der mit weissen Kreuzen und Doppelkopfadlern geschm\u00fcckten Stadt Lens\u00a0 unm\u00f6glich verbergen. F\u00fcr einen Amateur in Fussballdingen wie mich war es eine surreale Szenerie. \u00dcberall befanden sich Fans, die mitten auf der Strasse tanzten, L\u00e4rm und Kl\u00e4nge aus allen Richtungen. Sie schienen sich nicht um die kr\u00e4ftigen Arme der omnipr\u00e4senten uniformierten Sicherheitspolizisten der CRS zu k\u00fcmmern. Das Dekor stimmte. Und als T\u00fcpfelchen aufs i: Das Wetter entschied sich f\u00fcrs Fest und schenkte uns\u00a0 trotz schlechter Prognose einige Augenblicke Sonnenschein. Es war Ekstase, Gl\u00fcck pur.<\/p>\n<p>Beim Eintritt ins Stadion herrschte eine eindr\u00fcckliche, beinahe feierliche Stimmung. Es war unm\u00f6glich, sich von der Heiterkeit \u00a0der aussergew\u00f6hnlich vielen Fans nicht anstecken zu lassen. Sie waren mehrheitlich albanisch, einige von ihnen waren auf langen und beschwerlichen Wegen, aus ganz Europa und dem Balkan hergekommen. Es gab ebenfalls viele Schweizer, im Wesentlichen aus der Schweiz angereist. Der Auftakt war wie eine Art grandiosen sakralen Aktes, vor allem im Moment der albanischen Nationalhymne, als eine gigantische albanische Flagge eine der Trib\u00fcnen buchst\u00e4blich zudeckte.<\/p>\n<p>Diese Anfangszeremonie erinnerte an eine r\u00f6mische Arena mit Gladiatoren. Eigentlich denke ich oft, dass dem Fussball auch diese Funktion, die Unterhaltung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, zukommt. Immerhin mit dem offenkundigen Unterschied, dass an C\u00e4sars Platz nun das Logo der UEFA prangt.<\/p>\n<p>Der Match beginnt und nun wird es ernst. Nachdem die Nati sehr schnell ein Tor geschossen hatte, elektrisierte sich die Stimmung, die auf den albanischen Trib\u00fcnen einen Augenblick lang verstummt war, schon schnell wieder: so wie die Stimmung nun mal ist an einem Fussballmatch mit grossen Erwartungen und der Hoffnung, zumindest ein Unentschieden zu erreichen. Mein Sohn seinerseits verlor sein L\u00e4cheln und die Tr\u00e4nen kamen ihm hoch. Ich versuchte ihn, so gut es ging, zu tr\u00f6sten. Auch ich, obwohl seit Jahren Anh\u00e4nger der Nati, f\u00fchlte mich traurig f\u00fcr Albanien. Bestimmt waren wir viele, die dieses doppelte Gef\u00fchl durchlebten, und das ist nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte mich selbstverst\u00e4ndlich auch meine Tochter, das j\u00fcngere unserer Kinder, unter Tr\u00e4nen angerufen: \u201ePapa, wieso verliert Albanien?\u201c Ich sagte ihr: \u201eNein, Albanien gewinnt auch, denn du vergisst, dass viele Spieler die gleiche Herkunft wie wir haben und in der Schweizer Mannschaft spielen.\u201c Schweigen. Welches ich letztendlich als zuversichtliche Antwort interpretierte\u2026<\/p>\n<p>Nach dem Match ging die Menge in einer beinahe olympischen Ruhe auseinander. Die niedergeschlagenen, schweigsamen Gesichter der albanischen Fans kontrastierten mit der Freude der Schweizer Fans. Mittendrin geh\u00f6rten wir zu jenen, die weiterhin die Symbole beider dieser Geschwisterl\u00e4nder zeigten, auch wenn wir nicht so recht wussten, wie wir das machen sollten. Die traditionelle orangefarbene Fairplay-Kultur von Lens mag die Atmosph\u00e4re etwas entspannt haben. Doch nichtsdestoweniger hat die Tatsache, dass die Nati soviele Spieler albanischer Herkunft z\u00e4hlt, sicher auch zur Bes\u00e4nftigung der albanischen Entt\u00e4uschung beigetragen, denn es kam nirgends zu Reibereien. Am Abend vereinten sich dann alle, Albaner und Schweizer, um sozusagen einvernehmlich gemeinsam den n\u00e4chsten Match, England-Russland, zu verfolgen. Nat\u00fcrlich waren die meisten f\u00fcr England. Gegen Ende der Nacht sah man da und dort einige zusammen tanzen, betrunken und ersch\u00f6pft vor M\u00fcdigkeit.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/letemps5.png\"><em><br \/>\n<\/em><\/a><em>Dieser Artikel erschien in Le Temps, in Zusammenarbeit mit Albinfo.ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstagmorgen: Das Aufstehen fiel weder mir noch meinem Sohn leicht. 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