{"id":114940,"date":"2016-05-29T15:34:44","date_gmt":"2016-05-29T13:34:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/de\/?p=114940"},"modified":"2016-10-18T12:08:37","modified_gmt":"2016-10-18T10:08:37","slug":"diagnose-brustkrebs-eine-albanerin-erzaehlt-von-ihren-erfahrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/diagnose-brustkrebs-eine-albanerin-erzaehlt-von-ihren-erfahrungen\/","title":{"rendered":"Diagnose Brustkrebs, eine Albanerin erz\u00e4hlt von ihren Erfahrungen"},"content":{"rendered":"<p>Anjeza S. war gerade mal 25 Jahre alt, als sie die Diagnose Krebs erhielt. Wenige Monate zuvor hatte die gelernte Versicherungskauffrau ihren langj\u00e4hrigen Freund geheiratet. Beide arbeiteten, konnten sich eine sch\u00f6ne kleine Wohnung ausserhalb von Z\u00fcrich leisten, planten ihre n\u00e4chsten Ferien und wollten schon bald Eltern werden. Doch auf einmal stand das Leben des jungen Ehepaars Kopf.<\/p>\n<p>Am Morgen des 17. September 2015 sass Anjeza einer \u00c4rztin des Brustzentrums Z\u00fcrich gegen\u00fcber und wartete darauf, zu h\u00f6ren, dass der gefundene Knoten bloss eine Zyste sei, die sich schnell wieder entfernen liesse. Danach wollte sie an die Bahnhofstrasse, um sich neue Stiefeletten zu kaufen. Der mitleidserf\u00fcllte Blick der \u00c4rztin liess sie jedoch zweifeln. Die lehnte sich vor und sagte: \u201eIch muss ihnen leider mitteilen, dass Sie einen kleinen Brustkrebs haben.\u201c Nach dieser\u00a0 knappen Verk\u00fcndung hielt sie inne und stellte Anjeza eine Box mit Taschent\u00fcchern vor die Nase. Ihr Blick dr\u00fcckte aus: Jetzt d\u00fcrfen Sie weinen.<\/p>\n<p>\u201eIch konnte in dem Moment aber nicht weinen\u201c, erinnert sich Anjeza. \u201eIch habe nicht realisiert, was die Frau da zu mir sagt. Ich war einfach nur schockiert.\u201c Vor allem wusste sie nicht, was mit einem kleinen Krebs gemeint ist. War das weniger schlimm? Hatte sie Hoffnung auf Heilung? Was hiess es \u00fcberhaupt einen Krebs zu haben? Krebs, das war etwas, das anderen widerf\u00e4hrt. Etwas, von dem man h\u00f6rt, dass die Mutter der Freundin der Arbeitskollegin daran leidet, doch nicht man selber. \u201eIch hatte nat\u00fcrlich schon von Krebserkrankungen geh\u00f6rt, dass die Leute Therapien machen mussten, oder dass man dies und jenes nicht essen sollte, weil es krebserregend ist. Richtig damit auseinandergesetzt hatte ich mich nie.\u201c Niemand aus ihrer grossen Familie und Verwandtschaft hat jemals an dieser potenziell t\u00f6dlichen Krankheit gelitten. Der Tumor, der Anjeza befallen hat, ist nicht aufgrund\u00a0 einer erblichen Veranlagung entstanden, sondern das Resultat einer Genmutation.<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend ich in einen trance\u00e4hnlichen Zustand verfiel,\u201c erz\u00e4hlt sie weiter \u201eredete die \u00c4rztin \u00fcber Behandlungsm\u00f6glichkeiten; Chemotherapien, Strahlentherapien und Operationen. Ich verstand nichts.\u201c Zuhause angekommen, setzte sie sich ins Wohnzimmer, liess sich auf das Sofa fallen und erwachte aus ihrer Trance. In dem Moment dachte sie nicht an den Leidensweg, der vor ihr stand, sondern an ihre Mutter. Wie sollte sie ihrer Mutter beibringen, dass sie schwer krank war, dass sie sterben k\u00f6nnte? Wie sollte sie die richtigen Worte daf\u00fcr finden?<\/p>\n<p><strong>\u201eZum Gl\u00fcck wusste ich an meinem Hochzeitstag noch nicht, was mir bevorsteht\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die heute 26-J\u00e4hrige sitzt auf dem schwarzen Ledersofa in ihrem Wohnzimmer. Hinter ihr, an der Wand, h\u00e4ngen f\u00fcnf Hochzeitsfotos, umrahmt von weissen Passepartouts und schwarzem Holz: das gl\u00fcckliche Brautpaar strahlend vor dem satten Gr\u00fcn des Germia Parks in Prishtina. Anjeza tr\u00e4gt darauf ein wei\u00dfes Hochzeitskleid mit herzf\u00f6rmigem Korsett und einem Rock aus T\u00fcll, der bis zum Boden reicht. Die dunkelbraunen Haare sind zu einem schlichten Dutt frisiert. Heute tr\u00e4gt sie eine dunkelbraune Per\u00fccke.\u00a0 \u201eZum Gl\u00fcck wusste ich an meinem Hochzeitstag noch nicht, was mir bevorsteht.\u201c Sie schaut in ihre Tasse mit Gr\u00fcntee, die sie mit beiden H\u00e4nden umschliesst.<\/p>\n<p>Der Gr\u00fcntee ist eine Idee ihres Mannes. Die beiden kennen sich schon seit sieben Jahren, und seit der Diagnose achtet er pingelig genau darauf, dass sie sich gesund ern\u00e4hrt. Coca Cola kommt nicht mehr auf den Tisch, und Gr\u00fcntee ist ges\u00fcnder als Kaffee. T\u00e4glich geht er mit ihr im nahegelegenen Wald spazieren, damit sie genug Bewegung bekommt. Menschenmengen meidet Anjeza, da f\u00fcr sie aufgrund ihres momentan schwachen Immunsystems eine h\u00f6here Ansteckungsgefahr durch Grippeviren besteht. Zu allen anderen Auswirkungen dieser Krankheit kommt also auch noch die Isolation hinzu.<\/p>\n<p>Doch sie meidet andere Leute nicht nur aus Angst vor Ansteckung. Sie meidet sie auch, weil sie sich unwohl f\u00fchlt, wenn sie einer Freundin begegnet, die nichts von ihrer Krankheit weiss. Denn sie kann ihre Krankheit nicht verbergen: sie tr\u00e4gt die Per\u00fccke, muss ihre Augenbrauen nachzeichnen, und ihre Wimpern sind ausgefallen.<\/p>\n<p><strong>Reaktionen von Familie und Verwandten<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst wollte sie ihren Eltern nichts von ihrer Erkrankung erz\u00e4hlen. \u201eAber dann wurde mir bewusst, dass das gar nicht m\u00f6glich ist. Eine Chemotherapie mit Nebenwirkungen wie Haarausfall, Schmerzen und starkem Unwohlsein kann man nicht verbergen.\u201c Noch am selben Abend rief sie sie an. Und sie reagierten \u00e4hnlich wie Anjeza: Zu Beginn der grosse Schock, dann Ungl\u00e4ubigkeit. Anjezas Vater war der festen \u00dcberzeugung, die \u00c4rzte h\u00e4tten \u00fcbertrieben, w\u00fcssten nicht, von was sie redeten, h\u00e4tten sowieso keine Ahnung. Ausserdem h\u00e4tte Anjeza keine Schmerzen, und wenn man keine Schmerzen empfinde, sei man auch nicht krank. V\u00f6llig \u00fcberfordert mit der Situation versuchte er das Ganze zu verharmlosen. \u201eIrgendwann merkte ich, dass meine Eltern es nicht verstehen. Sie kannten sich mit diesem Thema viel zu wenig aus. Sie besassen zu wenig Wissen dar\u00fcber.\u201c\u00a0 Obwohl es ihr ungeheuer schwer fiel, musste Anjeza ihre Familie aufkl\u00e4ren: Es gibt verschiedene Stadien, es k\u00f6nnen sich Metastasen bilden, der aggressive Tumor muss herausoperiert werden. Dinge, \u00fcber die sie selber noch nicht richtig Bescheid wusste.<\/p>\n<p>Und dann wurden die nahen Verwandten informiert. Anjezas Vater musste mit seinen Br\u00fcdern dar\u00fcber sprechen, weil er mit der Nachricht selbst nicht fertig wurde. Obwohl ihr selber dies nicht geheuer war, liess sie ihre Eltern mit ihnen dar\u00fcber sprechen, weil ihr bewusst war, dass sie in dem Moment den Austausch, die Worte ihrer Geschwister brauchten. Auf selbe Weise versuchten Anjezas Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins die Krebskranke zu unterst\u00fctzen. Von allen wurde sie, sogar von Kosovo aus, angerufen, mit aufmunterten Worten bedacht und jedes Mal gefragt, wie es ihr geht. \u201eWie soll es mir schon gehen?\u201c, denkt sie dann. \u201eIch leide an der Krebsart mit der gr\u00f6ssten Sterblichkeitsrate. 19.6 % aller Frauen, die an Krebs sterben, sterben an Brustkrebs.\u201c Aber sie spricht diese Worte nie aus. Zudem ist es ihr unangenehm, \u00fcber ihren K\u00f6rper zu reden. Sie sch\u00e4mte sich, als sie ihrem Onkel erkl\u00e4ren musste, an welcher Art von Krebs sie erkrankt ist. \u201eEs gibt gewisse W\u00f6rter, die benutzen wir in der albanischen Gesellschaft nicht. Vor allem wenn es um den K\u00f6rper geht. Deshalb ist Brustkrebs auch ein Tabuthema. Man kann nicht dar\u00fcber reden.\u201c Und weil die Menschen auf diese Weise viel zu wenig \u00fcber diese Krankheit erfahren, macht dieses Tabu den Krebskranken das Leben noch schwerer.<\/p>\n<p><strong>Ursachensuche und Aberglaube<\/strong><\/p>\n<p>Anjeza nimmt noch einen Schluck Gr\u00fcntee, stellt die Tasse auf den Glastisch, der zwischen uns steht und denkt kurz nach. \u201eWei\u00dft du, das Schlimmste finde ich, ist, dass die Leute Vermutungen \u00fcber den Grund meiner Krankheit aufstellen.\u201c Sie finden allerlei kreative Ursachen, doch keine davon ist wissenschaftlich begr\u00fcndet. Vielmehr verfallen ihre Verwandten dem Aberglauben, Anjeza und ihre Familie w\u00fcrden\u00a0 mit der Krebserkrankung bestraft. Eine Tante hat zu ihrer Mutter gesagt, sie frage sich, warum so etwas ihnen passieren w\u00fcrde, so schlechte Menschen seien sie doch gar nicht. Selbst ihre Mutter stellte sich die Frage, was sie als Familie falsch gemacht und warum sie ein so schreckliches Schicksal verdient h\u00e4tten. Solche Aussagen w\u00fcrden nicht von den Religi\u00f6sesten unter ihnen gef\u00e4llt, meint Anjeza. Sie zeugen stattdessen von einem Aberglauben, der in der Gesellschaft tief verwurzelt zu sein scheint. Diese Einstellung ist tief in den K\u00f6pfen verankert, was eine sachliche Anschauung des Themas kaum m\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>\u201eIrgendetwas hat die betroffene Person oder gar deren ganze Familie falsch gemacht\u201c, fasst Anjeza S. diesen Aberglauben zusammen. \u201eSie geben mir das Gef\u00fchl, ich h\u00e4tte es verdient, Krebs zu haben.\u201c Anjezas Stimme wird ganz zitterig, w\u00e4hrend sich ihre Augen mit Tr\u00e4nen f\u00fcllen. Sie macht eine kurze Pause holt tief Luft und f\u00fcgt hinzu: \u201eDas Thema kann einfach nicht objektiv angeschaut werden. Es braucht einen pers\u00f6nlichen Grund f\u00fcr die Krankheit. Wenn man weiss, dass die Leute so denken, wo ist denn da die Unterst\u00fctzung?\u201c\u00a0 Dieser ganz andere Umgang mit der Krankheit Krebs sei auch der Unterschied zu den Schweizerinnen und Schweizern, mit denen Anjeza dar\u00fcber spricht. Die Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen w\u00fcssten einfach mehr \u00fcber Ursachen, Therapien und Heilungsm\u00f6glichkeiten. Das Thema wird dadurch von einer anderen Seite her beleuchtet, was ihr den Austausch mit ihnen vereinfacht. Auch ihr Ehemann hat sich gr\u00fcndlich \u00fcber die Krankheit informiert, viel recherchiert und gelesen. Er hilft ihr dadurch, dass er mit ihr \u00fcber den gesundheitlichen Aspekt sprechen kann.<\/p>\n<p><strong>Unterst\u00fctzung durch Aufkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>Anjeza hat durch ihre Krankheit eins erkannt: einen w\u00fcrdevollen Umgang mit Betroffenen kann es nur mit Hilfe von Aufkl\u00e4rung, Fachkenntnis und einer sachlichen Anschauung des Themas Brustkrebs geben. \u00dcber die Krankheit und \u00fcber Therapie- und Pr\u00e4ventionsm\u00f6glichkeiten sollte man reden und nicht \u00fcber das Schicksal einzelner Personen. \u201eManchmal, f\u00fchle ich mich wie das Hauptthema eines Klatschheftes. Zuerst kriegt man Mitleid, dann wird \u00fcber einen geredet.\u201c Anjeza m\u00f6chte aber weder in die Opferrolle gedr\u00e4ngt, noch als Sensation gesehen werden. Krebspatientinnen sollten sich nicht f\u00fcr ihre Krankheit sch\u00e4men oder schuldig f\u00fchlen m\u00fcssen. Verstecken will Anjeza sich auch nicht mehr. Sie hat den Kampf gegen diese furchterregende Krankheit aufgenommen und ist zuversichtlich, dass sie ihn gewinnen wird. Wenn sie heute gefragt wird, wie es ihr geht, antwortete sie mit: \u201eDie Chemotherapie hat angeschlagen. Bald werde ich wieder gesund sein.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krebs, das war etwas, das anderen widerf\u00e4hrt. 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