{"id":101215,"date":"2015-12-18T09:17:17","date_gmt":"2015-12-18T08:17:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/?p=101215"},"modified":"2015-12-18T09:18:03","modified_gmt":"2015-12-18T08:18:03","slug":"die-schweiz-ist-fuhrend-in-der-ausbildung-von-berufskaderleuten-das-potential-von-migranten-anerkennt-sie-jedoch-nicht-genugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/die-schweiz-ist-fuhrend-in-der-ausbildung-von-berufskaderleuten-das-potential-von-migranten-anerkennt-sie-jedoch-nicht-genugend\/","title":{"rendered":"Die Schweiz ist f\u00fchrend in der Ausbildung von Berufskaderleuten, das Potential von Migranten anerkennt sie jedoch nicht gen\u00fcgend"},"content":{"rendered":"<p>Unter den Podiumsteilnehmern, darunter Walter Leimgruber, Pr\u00e4sident der Eidgen\u00f6ssischen Kommission f\u00fcr Migrationsfragen (EKM) und Professor f\u00fcr Europ\u00e4ische Ethnologie an der Universit\u00e4t Basel, und Jean-Pascal L\u00fcthi, Chef der Abteilung Berufliche Grundbildung und Maturit\u00e4ten, Sekretariat f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), fand eine praxisbezogene Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Potential, das die Migranten mitbringen, und den M\u00f6glichkeiten in der Berufsbildung, die ihnen der Staat bietet, statt.<\/p>\n<p>Nebst Amalia Zurkirchen, Mitglied der Gesch\u00e4ftsleitung und Leiterin des Bereichs Bildung beim Kaufm\u00e4nnischen Verband, nahm an der Podiumsdiskussion auch Claudio Bolzman, Professor an der Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit in Genf, teil.<\/p>\n<p>Ein konkretes Beispiel f\u00fcr die Kombination des Potentials eines Migranten und der von der Schweiz angebotenen Berufsbildung war der ebenfalls an der Konferenz teilnehmende Direktor des Schweizer Uhrenunternehmens Efteor SA, Leonis Tafaj.<\/p>\n<p>Im gemischten Publikum sassen unter anderem die Vertreter der kosovarischen Botschaft, Diasporaminister Valon Murati und manche Pers\u00f6nlichkeiten aus dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Schweiz.<\/p>\n<p>\u00dcber die Migrationsbev\u00f6lkerungsgruppe aus dem Balkan urteilte das franz\u00f6sisch- und deutschsprachige Podium, sie sei auf gutem Weg zur Integration in die Schweizer Gesellschaft. Doch der Weg zu einer erfolgreichen Integration ist nicht der gleiche f\u00fcr alle Migrantinnen. So sei f\u00fcr die Italiener die Sprachbarriere die gr\u00f6sste Herausforderung auf ihrem Weg zur Integration in die Schweizer Gesellschaft gewesen. Die Menschen aus dem Balkan h\u00e4tten sich nebst der Sprachbarriere auch mit kulturellen Unterschieden konfrontiert gesehen. Den Migrantinnen und Migranten aus Eritrea hingegen fehlten Grundvoraussetzungen, die es brauche, um das hiesige Leben zu verstehen, so dass es einen langandauernden Prozess brauche, bis sie sich zurechtf\u00e4nden.<\/p>\n<p><strong>\u201eWir riefen Arbeitskr\u00e4fte, doch es kamen Menschen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident der Eidgen\u00f6ssischen Kommission f\u00fcr Migrationsfragen, Walter Leimgruber, sch\u00e4lte zwei wichtige Diskussionspunkte heraus: Einerseits zitierte er die Worte Max Frisch\u2019s: &#8220;Wir riefen Arbeitskr\u00e4fte, doch es kamen Menschen,&#8221; und sprach vom menschlichen Potential, das nicht allein auf den Arbeitsmarkt beschr\u00e4nkt werden kann.<\/p>\n<p>Wir brachten Menschen, weil wir sie brauchten, beziehungsweise brachten wir sie f\u00fcr unsere Wirtschaft und wir nutzten automatisch auch ihr Potential, sagte Leimgruber weiter, und hier betonte er als zweiten wichtigen Punkt den Bedarf des Landes an Arbeitskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>\u201eIn den kommenden Jahren werden wir jedes Jahr zehntausende pensionierte Menschen mehr, und auf der anderen Seite immer weniger Junge, die in den Arbeitsmarkt eintreten werden, haben.\u201c Das stellt uns alle vor eine enorme Herausforderung, und die einfachste Antwort darauf w\u00e4re nat\u00fcrlich eine Zunahme der Einwanderung. Doch wir wissen alle, dass dies politisch vehement abgelehnt wird. Obwohl, laut Leimgruber, auch die Einsch\u00e4tzung vertreten wird, dass die Migration in Europa sich vervierfachen sollte, mit anderen Worten Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften bestehe.<\/p>\n<p>Politisch sei dies nicht einfach zu realisieren, sagte er. Deshalb braucht es Alternativen mit den Menschen, die schon in diesem Land leben. Unabh\u00e4ngig ob Schweizer oder Ausl\u00e4nderinnen m\u00fcssen sie sich im Arbeitsmarkt, in der Gesellschaft und in allen anderen Bereichen noch besser integrieren, um m\u00f6glichst lange Zeit aktiv im Arbeitsmarkt zu sein.<\/p>\n<p>Leimgruber \u00e4usserte sich unter anderem zum erg\u00e4nzenden Unterricht f\u00fcr Kinder aus migrierten Familien: \u201eDiese erg\u00e4nzende Massnahme schlugen wir mehrmals als Beitrag f\u00fcr eine erleichterte Integration, um die Erstsprache besser und fliessender zu lernen, vor.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Ansicht bez\u00fcglich der Berufsbildung \u00e4usserte auch Amalia Zurkirchen, Bildungsverantwortliche und Mitglied der Gesch\u00e4ftsleitung des Kaufm\u00e4nnischen Verbands. Sie forderte, es gelte sich dort einzusetzen, wo ein Zugang bestehe, dort wo die Botschaft ankomme. Auch sie h\u00e4lt den erg\u00e4nzenden Unterricht f\u00fcr Kinder fremdsprachiger Herkunft f\u00fcr notwendig.<\/p>\n<p><strong>Zurkirchen: Uns ist das Potential jener bekannt, die mit einem Diplom in der Tasche hierherkommen<\/strong><\/p>\n<p>Der Zugang \u00fcber die Sprache w\u00fcrde laut ihr dazu dienen, einfacher in Kontakt mit den Eltern der Kinder zu kommen. Hier k\u00f6nnen die Migrantenvereine eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>Wie Amalia Zurkirchen weiter sagte, sei fr\u00fcher von den Ressourcen der Migrantinnen die Rede gewesen, heute jedoch sei die Rede vom \u201ePotential der Migranten\u201c. Dieses Potential\u00a0 sei bekannt im Falle von Personen, die mit einem Diplom in der Tasche in die Schweiz kommen, betonte sie. Doch schwieriger sei es, wenn Menschen ohne Diplom kommen, deren Potential wir nicht kennen. Hier brauche es mehr Engagement.<\/p>\n<p>Das Berufsbildungssystem, das die Schweiz praktiziert, unterscheidet sich von jenem Italiens und anderer L\u00e4nder. \u00dcber die Berufsbildung erhalten die Migranten viel bessere M\u00f6glichkeiten im Arbeitsmarkt und die Schweiz gilt als f\u00fchrend in den M\u00f6glichkeiten\u00a0 der Berufsbildung. Eine schnelle Integration der Ausl\u00e4nder in der Schweiz, sagte sie, h\u00e4nge auch eng von den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern der Emigrantinnen, dem bereits vorhandenen Bildungsniveau, kulturellen \u00c4hnlichkeiten und sozialen Bedingungen ab.<\/p>\n<p>Bolzman: Den Arbeitgebern ist das Potential an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften unter den Migranten nicht bekannt<\/p>\n<p>Das Potential der Migrantinnen wird erst dann interessant, wenn das Aufnahmeland es als eine nutzbare Quelle erkennt, erkl\u00e4rte Claudio Bolzman.<\/p>\n<p>Der Professor aus Genf sagte, es gelte zwischen den beruflich qualifizierten Migranten, die mit einem Arbeitsvertrag in die Schweiz kommen, und jenen Migranten, die aus einem anderen Grund wie Heirat, politisches Asyl oder wirtschaftlichen Gr\u00fcnden kommen, zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeiten der Migrantinnen, die mit einem Arbeitsvertrag in die Schweiz kommen, w\u00fcrden eher gut erkannt und auch recht gut genutzt, sagte er. Doch geschieht laut ihm das Gegenteil mit beruflich qualifizierten Migranten, die aus andern Gr\u00fcndern wie etwa den obenerw\u00e4hnten kommen.<\/p>\n<p>&#8220;Tats\u00e4chlich werden die Emigranten der zweiten Gruppe vernachl\u00e4ssigt, ihre beruflichen F\u00e4higkeiten werden vom Aufnahmeland nicht richtig genutzt.&#8221; Weiter erkl\u00e4rte er, dass die H\u00e4lfte der beruflich qualifizierten Migrantinnen der zweiten Kategorie angeh\u00f6rten. Das zeigt, dass wir es wirklich mit einem &#8220;Braindrain&#8221; zu tun haben. Zu diesem Ph\u00e4nomen geh\u00f6ren auch die F\u00e4lle von ausl\u00e4ndischen Studenten, die in der Schweiz ausgebildet werden, aber nicht hier bleiben k\u00f6nnen. Sie haben nicht mehr als sechs Monate Zeit, um eine Arbeit zu finden, sonst m\u00fcssen sie das Land verlassen. Es zeigt sich, dass in solchen F\u00e4llen andere europ\u00e4ische L\u00e4nder von diesen Studentinnen profitieren.<\/p>\n<p>Damit dies nicht gesch\u00e4he, forderte Bolzman mehr Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern, denn laut ihm herrscht ein Informationsmangel bei den Arbeitgeberinnen bez\u00fcglich der beruflichen F\u00e4higkeiten der Migranten. &#8220;Sie kennen das in der Schweiz vorhandene Potential an beruflich qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften nicht&#8221;, sagte Professor Bolzman.<\/p>\n<p>Die Schweiz muss Massnahmen ergreifen, um die Kompetenzen von Migrantinnen und Migranten besser zu sch\u00e4tzen und zu nutzen.<\/p>\n<p>&#8220;Damit dieses Potential wirklich vollst\u00e4ndig genutzt werden kann,\u00a0sollten die Beh\u00f6rden unter anderem\u00a0echte Anstrengungen bei der Information der Eltern ausl\u00e4ndischer Herkunft, beim Ausbau von \u00c4quivalenzverfahren, bei den M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Zusatzausbildungen, wie auch bei der Erweiterung der Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten machen.\u201c<\/p>\n<p><strong>L\u00fcthi: Es gibt noch viel ungenutztes Potential<\/strong><\/p>\n<p>Jean-Pascal L\u00fcthi, Chef der Abteilung Berufsbildung und Maturit\u00e4ten des Sekretariats f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), betont, man befasse sich ernsthaft mit dem Anliegen der St\u00e4rkung der Berufsmittelschulen. Laut L\u00fcthi gibt es noch viel Potential, das nicht genutzt wird. Ausserdem sei klar, dass das Modell des klassischen Gymnasiums ein zur\u00fcckgehendes Modell sei. Zur Zeit f\u00e4nden Forschungen statt, die auf die Schaffung neuer Ausbildungsmodelle fokussierten.<\/p>\n<p>In diesem Sinn stehe viel Arbeit zur Verbesserung der Informations- und Kommunikationskan\u00e4le bevor. Einige Projekte und Programme werden bereits entwickelt, sie finden sich auf der Webseite des SBFI, zu den Themen Unterricht, St\u00e4rkung der Karriereberatung, aber auch \u00a0Integrationsprojekte wie \u201eMatch prof\u201c. Alle diese Massnahmen sollen Bildung und Integration st\u00e4rken. Mit andern Worten geht es darum, die Jungen besser und schneller in den Bildungsbereich zu integrieren.<\/p>\n<p>Der albanische Direktor der Uhrenfirma Efteor: \u201eEntweder hat jemand Potential oder er hat es nicht.\u201c<\/p>\n<p>Die Moderatorin der Konferenz, die Journalistin und\u00a0 Deutschschweizkorrespondentin von Radio T\u00e9l\u00e9vision Suisse (RTS) Anne Fournier, schilderte den Anwesenden die Erfahrungen des albanischen Gesch\u00e4ftsmannes Leonis Tafaj, der den Weg der Berufsausbildung gegangen war. Podiumsteilnehmer Tafaj, Direktor der Firma Efteor SA, zeigte die zahlreichen M\u00f6glichkeiten, die die Berufsbildung in der Schweiz bietet, von der \u00fcblichen Lehre bis zu den h\u00f6chsten Ausbildungsniveaus. Die Unterschiede bestehen hier lediglich in einem l\u00e4ngeren oder k\u00fcrzeren Bildungsweg, den die Betreffenden gehen beziehungsweise gehen k\u00f6nnen. Tafaj brachte es \u00fcber die verschiedenen Stufen seiner Ausbildung zu einem Namen in der konkurrenzst\u00e4rksten Schweizer Industrie, dem Design und der Produktion von Armbanduhren.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich des Begriffs \u201ePotential\u201c hatte er eine andere Auffassung als die anderen Podiumsteilnehmer. \u201ePotential hat jemand oder nicht\u201c, sagte er. Um den Begriff des Potentials zu erg\u00e4nzen, machte er einen Vergleich zwischen der Schweiz und Syrien oder dem Irak. \u201eWir haben eine sehr entwickelte Technologie, doch in der Handarbeit haben wir noch viel zu lernen. Die Fl\u00fcchtlinge aus Syrien oder dem Irak haben ein grosses Potential in der Handarbeit\u201c, meinte Tafaj, in dessen Uhrenbranche nebst der Technologie auch die Beherrschung von Handarbeit sehr wichtig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den Podiumsteilnehmern, darunter Walter Leimgruber, Pr\u00e4sident der Eidgen\u00f6ssischen Kommission f\u00fcr Migrationsfragen (EKM) und Professor f\u00fcr Europ\u00e4ische Ethnologie an der Universit\u00e4t Basel, und Jean-Pascal L\u00fcthi, Chef der Abteilung Berufliche Grundbildung und Maturit\u00e4ten, Sekretariat f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), fand eine praxisbezogene Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Potential, das die Migranten mitbringen, und den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1134,3110,1133,1412,2015],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-101215","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-integration","category-migration-als-potential","category-e-diaspora-de","category-newsletter-de","category-newsletter-media-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=101215"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101215\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=101215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=101215"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=101215"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=101215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}